16.06.2012
BÜNDE
Patienten werden immer dicker
Ab 150 Kilogramm können einige Untersuchungen nicht mehr durchgeführt werden
VON ANNE WEBLER

Selbst wer abgenommen hat, wird oft noch ein Fall für den Plastischen Chirurgen.
Folge von Fettleibigkeit | FOTO: GERALD DUNKEL

Bünde. Es gibt immer mehr fettleibige Männer und Frauen in Deutschland. Das belegt eine bundesdeutsche Studie des Robert-Koch-Instituts (die NW berichtete gestern). Während Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter noch normalgewichtig sind, fangen die Gewichtsprobleme im Alter von 12, 13 und 14 Jahren an.

Kinderärztin Dr. Marie-Luise Kluger vom Kinder- und Jugendärztlichen Dienst des Kreises Herford stellt jedes Jahr bei den Schuleingangsuntersuchungen die 5- und 6-Jährigen auch auf die Waage. Die Anzahl der übergewichtigen Kinder sei in diesem Jahr leicht rückläufig, sagt Kluger. Das bestätige den Trend der vergangenen Jahre. Der Grund seien die intensiven Ernährungs-Programme in den Kitas und Grundschulen.

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule fange es jedoch an schwierig zu werden. "Bei Jugendlichen ab 12, 13, 14 Jahren greifen die Ernährungsprogramme nicht mehr", sagt Kluger. Gleichzeitig lasse in dem Alter die elterliche Kontrolle nach, was ihre Kinder essen. Und die Jugendlichen verbrächten viel Zeit vor dem Computer.

Dr. Peter Weitkamp aus Kirchlengern, leitender Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Rettungsmedizin am Klinikum Herford, bestätigt die Ergebnisse der Studie: "Wir merken, dass unsere Patienten immer dicker werden." Seien die Tische im Herzkatheter-Labor früher bis 180 Kilogramm zugelassen gewesen, trügen sie heute bis zu 250 Kilogramm Körpermasse. "Das brauchen wir auch." Am Donnerstag habe er einen Patienten mit 200 Kilogramm Körpergewicht behandelt, in diesem Jahr sei auch ein Patient mit weit über 200 Kilogramm dagewesen.

Abgesehen vom Gesundheitsrisiko sei ein Gewicht über 150 Kilogramm kritisch, sagt Weitkamp, weil die Patienten nicht mehr untersucht werden könnten: Ein Belastungs-EKG habe er den 200 Kilogramm schweren Patienten nicht machen lassen können, da das Fahrrad nur bis 180 Kilogramm zugelassen sei. Auch eine Kernspin-Untersuchung sei bei dieser Körperfülle nicht mehr möglich, weil die Patienten nicht in die Röhre passen. Auch röntgen könne man eine Person dieser Leibesfülle nicht. Ein Röntgen-Gerät funktioniere nach dem Sender-Empfänger-Prinzip: Es schieße Elektronen durch den Körper, die auf die Filmplatte treffen. Je dicker der Körper sei, desto stärker strahle das Röntgengerät. "Irgendwann steigen die Röntgenröhren aus", sagt Weitkamp. "Bei einer Fettschicht von 30 bis 40 Zentimetern sieht man auch nichts mehr."

Auch Operationen werden bei Fettleibigen zum unkalkulierbaren Risiko: Der 200 Kilo-Patient am Donnerstag habe einen Herzschrittmacher, dessen Batterie gewechselt werden musste. Eigentlich hätte auch das Kabel des Herzschrittmachers ausgewechselt werden müssen. "Das haben wir nicht gemacht, weil man so jemanden im Notfall nicht reanimiert bekommt." Eine Herz-Massage sei nicht möglich, weil man den Brustkorb nicht eindrücken könne.

Auch die Medikamentendosis sei bei dem Gewicht schwierig zu bestimmen, da Empfehlungen nur bis 120 Kilogramm gingen. "Da stochern Sie im Nebel." Der Narkosearzt müsse die richtige Dosis des Narkosemittels bei so einem Gewicht schätzen und sich rantasten. Beim ersten Mal sei man da nervös. "Die Gefahr, dass einem übergewichtigen Patienten etwas passiert, ist viel höher."

Eine nationale Verzehrstudie habe ergeben, dass mehr als jeder zweite in NRW übergewichtig sei und jeder fünfte fettleibig, sagt Jens Kuschel, AOK-Pressesprecher für Westfalen-Lippe. In Zahlen ließe sich nicht feststellen, wie viel die Folgeerkrankungen von Übergewicht wie Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen die Krankenkasse kosteten. Die Ursachen für Diabetes lägen nicht nur im Übergewicht.

Dass Übergewicht die Krankenkassen viel Geld kostet, sieht man allein an der Internetseite der AOK: Dort finden sich zahlreiche Angebote wie "Abnehmen mit Genuss", "Tschüss ihr Pfunde", "Fettfallen finden", auch als Anwendung für das Smartphone (Fettfallenfinder-App) usw. Auch die Techniker Krankenkasse und andere Kassen bieten Abnehmkurse an.

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 15.06.2012 um 19:46:26 Uhr
Letzte Änderung am 15.06.2012 um 19:47:16 Uhr


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