16.08.2012
Britischer Schauspieler und Komiker Stephen Fry liebt Wagner, aber hat auch Zweifel
Wagner und er
VON ANKE GROENEWOLD

Der britische Schauspieler und Wagner-Fan Stephen Fry steht vor dem Festspielhaus in Bayreuth.
Am Ziel seiner Träume | FOTO: FILM KINO TEXT

Bielefeld. Für Stephen Fry ist Bayreuth "wie Stratford-upon-Avon, Mekka und Graceland in einem". Der 54-Jährige ist einer der populärsten britischen Schauspieler. Seit seiner Kindheit ist er ein glühender Verehrer der Musik Richard Wagners. Aber etwas trübt seine Leidenschaft: Wagners größter Fan hieß Adolf Hitler, und Frys jüdische Mutter hat Angehörige im Holocaust verloren.

Für den Film "Wagner und ich" ist Fry auf eine sehr persönliche Erkundungsreise gegangen. Sie führt ihn auf den Grünen Hügel ebensowie auf das Nürnberger Reichsparteitagsgelände, wo der sonst so eloquente Fry unerwartet großes Unbehagen spürt, über Wagner zu reden. Die Nazis hätten einen unauslöschlichen Fleck auf dem Werk Wagers, diesem wunderbaren seidenen Wandteppich, hinterlassen, bedauert er.

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Stephen Fry

Zu den bekanntesten Filmen des 1957 geborenen Schauspielers Stephen Fry gehören "Peter’s Friends", "Gosford Park", "Oscar Wilde" und "V wie Vendetta". Er drehte auch mehrere Dokumentationen. Fry schrieb eine neue Fassung des 30er-Jahre Musicals "Me and My Girl" und machte als Romanautor Furore, unter anderem mit "Geschichte machen", "Der Lügner" und "Das Nilpferd".

Seine Kinder- und Jugendjahre verarbeitete das Multitalent, das sich Mitte der 90er Jahre als homosexuell outete, in der Autobiografie "Columbus war ein Engländer". Die Fortsetzung erschien auf Deutsch unter dem Titel "Ich bin so fry". Darin erzählt er von den Universitätsjahren und seinen Anfängen als Komiker und Schauspieler. Ab 22. September steht Fry im Londoner Globe Theatre als Malvolio in Shakespeares "Twelfth Night" auf der Bühne.

Der Dokumentarfilm "Wagner & Me" hatte noch keinen Kinostart in OWL. Die englische DVD ist über den Handel zu beziehen. Auf Deutsch wird sie 2013 zum 200. Geburtstag Wagners erscheinen. (groe)

Für manche ruiniere dieser Fleck das ganze Werk, für andere sei es seine Sache, mit der man sich einfach auseinandersetzen müsse. GEnau das gelingt Fry. Der sympathische Brite hat keine Scheu davor, Persönliches preiszugeben. So drehte er 2006 eine Dokumentation, der in der er seine eigene manisch-depressive Erkrankung zum Thema machte. 1995 hatte er abrupt ein Theaterengagement abgebrochen, nahe davor, sich umzubringen und war nach Belgien geflohen.

Auch sein Wagner-Film hat sehr intime Momente. Der bewegendste ist das Gespräch, das er in London mit der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch führt. Er sucht Rat bei der Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz. Verrät er als Wagner-Verehrer sein Jüdischsein? Das müsse jeder mit sich selbst abmachen, meint Lasker-Wallfisch. Sie würde nie jemandem verbieten, Wagner zu hören. Nichts könne Musik besudeln. Musik sei heilig.

Lasker-Wallfisch dreht den Spieß um und stellt Fry Fragen: Was passiere mit ihm, wenn er Wagner lausche? Warum könne er Wagner nicht zuhause hören, warum müsse er unbedingt nach Bayreuth, an diesen symbolischen Ort, fragt sie bohrend. Fry wirkt beunruhigt. "Erzähl mir, wie es war im Schrein", gibt ihm die Künstlerin mit auf den Weg.

Fry durfte im Sommer 2009 einen Blick hinter die Kulissen des Festspielhauses von Bayreuth werfen. Sein ganzes Leben hatte er diesem Moment entgegengefiebert. Als es endlich so weit ist, gibt er gar nicht erst vor, cool zu wirken, und das ist rührend. Fry fühlt sich "wie ein Junge im Süßigkeitenladen", als er sich auf den Dirigentenstuhl setzen darf. Ekstatisch schlägt er den Tristan-Akkord auf Wagners Klavier an. Mit seligem Grinsen schleicht er sich in Proben – unter anderem die zu "Tristan und Isolde" mit Tenor Robert Dean Smith, der in den 80er Jahren am Bielefelder Theater engagiert war. Dann wieder murmelt er: "Ich wünschte, ich wäre manchmal eine Walküre." Humor und Selbstironie sind seine Stärken.Am interessanten ist aber, wie er sich mit den "Schatten" auseinandersetzt – ohne Scheu vor der Wahrheit, aber fest entschlossen, Wagners Musik zu retten. Die, wie er sagt, Kräfte in ihm zu entfesseln vermag wie keine andere.

Wagners antisemitische Schrift "Das Judenthum in der Musik" (1850) beflecke den Ruf des Komponisten bis heute, bedauert Fry. Nur weil Wagner ein hässlicher Antisemit gewesen sei, sagt der Musikhistoriker Chris Walton, bedeute das nicht, dass seine Musik nicht überragend sei. Fry nickt. Er reist zu "Ring"-Proben nach St. Petersburg, wo der Dirigent Valery Gergiev betont, dass man den "Ring" nicht mit den Nazis in Verbindung bringen sollte. Wenn sie den Ring in St. Petersburg machen könnten, das im Zweiten Weltkrieg so zerstört worden sei, "dann heißt das, dass es jeder machen kann". Fry stimmt zu.

Bayreuth wird nie ein neutraler Ort sein

Es wäre interessant gewesen, Fry im Gespräch mit einem Wagner-Gegner zu erleben, der ihn etwas mehr herausgefordert hätte – vielleicht in Israel, wo erst neulich ein Wagner-Konzert abgesagt wurde, weil Holocaust-Überlebende dagegen protestiert hatten.
In Bayreuth selbst beleuchtet er die Rolle, die Wagners Nachkommen spielten, allen voran seine britische Schwiegertochter Winifred, die Adolf Hitler bewunderte und schon 1923 in Bayreuth empfing. Fry hat den Eindruck, dass die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit Bayreuths auf dem besten Wege ist.

Eine mutige Inszenierung wie Stefan Herheims "Parsifal", der auch in diesen Tagen auf dem Grünen Hügel auf dem Spielplan steht, könne zwar nicht wieder gutmachen, was Bayreuth in der Vergangenheit angerichtet, habe. "Aber was kann die Wunde besser heilen als die Musik selbst?" Außerdem strebten die Wagner-Schwestern eine unabhängige Untersuchung an.

Heute, drei Jahre nach Frys Bayreuth-Besuch, ist von der seinerzeit angekündigten Aufklärung noch nicht viel zu spüren. Im Gegenteil: Erst vor wenigen Tagen hat der Historiker Hannes Heer, Kurator der Ausstellung "Verstummte Stimmen", der Bayreuther Festspielchefin Katharina Wagner vorgeworfen, die Aufarbeitung der Vergangenheit zu behindern.

Stephen Fry kommt  am Ende zum Schluss, dass Bayreuth nie ein neutraler Ort sein werde. Aber: "Sein Werk ist wichtig. Es ist auf der Seite der Engel, es ist von Grund auf gut."

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Dokument erstellt am 15.08.2012 um 17:22:57 Uhr
Letzte Änderung am 15.08.2012 um 17:28:17 Uhr


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