01.12.2012
Bericht
Das Gewissen - innere Richter
Das schlechte Gewissen ist unser treuester Begleiter
VON CAROLINE LINDEKAMP



Es verfolgt uns. Wenn der innere Schweinehund den Diätplan ignoriert, drückt es auf den Magen. Wenn die Erinnerung an den Geburtstag der Tante im Alltagsstress untergeht, klopft es mahnend auf die Schulter. Wenn die Sehnsucht nach der Affäre die Liebe zum Partner vergessen lässt, liegt es mit im Bett. Das schlechte Gewissen ist die Dissonanz zwischen dem optimalen Selbstbild und dem tatsächlichen Verhalten. Es ruft Reue, Schuldgefühle oder Scham hervor, Momente, die wir abstreifen möchten wie einen kratzenden Pulli.

Dass der Mahner zum Peiniger werden kann, weiß auch Dr. Sylvia Terpe. "Wenn eine Person zu hohe moralische Ansprüche an sich herangetragen sieht und nicht in der Lage ist, sich daraus zu lösen, kann einen das schlechte Gewissen regelrecht fertigmachen", sagt die Koordinatorin der Studie "Moral und Gewissen im heutigen Leben" der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Häufig nennen die rund 1.150 Befragten Vereinbarkeitsprobleme als Grund für schlechtes Gewissen. Die berufstätige Mutter plagt es gegenüber den Kindern ebenso wie gegenüber dem Chef – ob sie nun den Nachwuchs vor dem Fernseher parkt, um das Projekt endlich durchzubringen, oder den Chef am Handy einfach wegdrückt, um mit dem Kleinen Sandburgen zu bauen. Genauso können sich Engelchen und Teufelchen bei dem auf die Schultern setzen, der zwischen Freundin und Lieblingsfußballclub, Familienfeier und Freundeskreis hin und her gerissen ist.

In der Halleschen Studie haben fast 60 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen angegeben, ihr Gewissen ständig oder häufig zu spüren. Doch auch wenn der Wanderer den Schuh meist erst wahrnimmt, wenn er drückt: Das Gewissen meldet sich längst nicht nur bei empfundenem Fehlverhalten. "Die größte Überraschung für uns war, dass das Gewissen nicht nur negativ, sondern ganz häufig auch positiv empfunden wird", sagt Terpe. Der überwiegende Teil der Befragten verbindet es mit angenehmen oder zumindest gemischten Gefühlen. Viele beschreiben es als "motivierend", "bestärkend", "richtungsweisend", es rege sie zum Nachdenken an. Viel seltener empfinden sie es als "nervig", "belastend" oder "entmutigend".

Schlechtes Gewissen soll Verhaltensstrategien provozieren

Ob nun in die eine oder die andere Richtung empfunden, immer hält das Gewissen dem eigenen Handeln den Spiegel vor und uns dazu an, Gutes zu tun. "Ganz allgemein bezeichnet es unser Verständnis davon, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht ist", erklärt Jonas Rees, Diplom-Psychologe an der Universität Bielefeld. Psychologisch betrachtet sollen negative Emotionen wie Scham und Schuld, die ein schlechtes Gewissen hervorruft, ganz bestimmte Verhaltensstrategien provozieren. "Dazu gehören etwa das Verdrängen des Elends anderer ebenso wie gezielte Anstrengungen, dieses Elend zu lindern", sagt Rees. Kurz: Es gibt zwei Möglichkeiten, das schlechte Gewissen loszuwerden – es einfach zu verdrängen oder ihm gefälligst zu folgen. So treibt es einen an, beispielsweise für einen guten Zweck zu demonstrieren oder zu spenden.
So lässt sich das Spendenverhalten der Deutschen im Jahresvergleich zusammenfassen. Katastrophen steigern die Spendenbereitschaft außerdem kurzfristig.
Weniger Leute geben mehr Geld

Laut einer Analyse der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Deutschen Spendenrates haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 17,3 Millionen Deutsche 2,5 Milliarden Euro an gemeinnützige Organisationen gespendet. Zwar geht damit die Zahl der Spender zurück, im mittelfristigen Vergleich steigt die Spendenhöhe aber. "Weniger Menschen spenden mehr", resümiert auch das Bielefelder Marktforschungsunternehmen TNS Infratest in seinem Spendenmonitor.

"Der Trend zu einer rückläufigen Spendenbereitschaft könnte auf die Euro-Krise und die Diskussion zur Rentenpolitik zurückzuführen sein", vermutet Daniela Felser, Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrates. In der mittelfristigen Betrachtung zeigt sich eine Steigerung des Spendenvolumens um durchschnittlich zwei Prozent im Jahr – "bereinigt um Katastrophen", so Felser. Ereignisse wie der Tsunami 2005 oder 2010 das Erdbeben in Haiti und die Überschwemmungen in Pakistan mobilisieren kurzfristig die Spendenbereitschaft. "Die Medienwirksamkeit und die hohe Anteilnahme motivieren auch Spender, die in der Regel nichts geben", sagt Felser.

Dezember als wichtigster Spendenmonat

David Strömberg von der Universität Stockholm kommt zu dem Ergebnis, dass die internationale Hilfe proportional zur Anzahl der Toten und Betroffenen einer Katastrophe zunimmt. Die Nähe zur Heimat und die Armut im Empfängerland lockern die Geldbörse zusätzlich. Zwar sorge erst ein regelmäßiger Mittelzufluss für die notwendige Konstanz in Hilfsorganisationen, aber wenn "Menschen anderen helfen wollen, Leid zu mindern, ist das immer gut", sagt Felser – auch wenn es nur einmalig ist. Sie hofft, dass die Organisationen im wichtigsten Spendenmonat Dezember noch möglichst viele zum Geben motivieren können.

Vergangenes Jahr hat der Dezember laut GfK fast ein Viertel der Spendeneinnahmen des gesamten Jahres eingebracht. Die Adventszeit ist die Zeit der Nächstenliebe, und deshalb appellieren die Spendenaufrufer an das Gewissen der potenziellen Geber. Vielleicht tun die sich auch einfach nur selbst einen Gefallen – guten Gewissens können sie das üppige Weihnachtsmahl und den reichlich bestückten Gabentisch noch mehr genießen. "Manchmal verhalten wir uns schließlich auch ganz gezielt prosozial in der Absicht, uns danach besser zu fühlen – oder zumindest weniger schlecht", sagt Psychologe Rees.

Was andere von uns denken, spielt ebenfalls eine Rolle, denn nach welchen Maßstäben das Gewissen als innerer Richter das Handeln beurteilt, ist stark von dem sozialen Umfeld geprägt. "Im Kern geht es bei der Formung des Gewissens um die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen – und das schon im Kindes- und Jugendalter", sagt Psychologe Rees. Die Forschungsergebnisse der Soziologen aus Halle machen denen Hoffnung, die sich von Gewissensbissen geplagt fühlen: Mit zunehmendem Alter regt sich das Gewissen seltener – und wird vor allem weniger vorwurfsvoll. "Jüngere sind in vielfältigere soziale Kontexte eingebunden und so mit vielfältigeren moralischen Fragen konfrontiert", sagt Sylvia Terpe. Während der Alterseffekt das eigene Urteilsvermögen stärkt, suchen Jüngere zudem noch nach ihren Maßstäben.

Das Gewissen ist also vielmehr Helfer als Peiniger. "Unsere Fähigkeit zur Empathie zeichnet uns als Menschen ja schließlich aus – und nachdem wir Gutes getan haben, fühlen wir uns in der Regel auch gut", sagt Psychologe Rees. "Oft würden wir uns also besser fühlen, wenn wir einfach häufiger auf unser schlechtes Gewissen hörten."

Dokumenten Information
Copyright © Neue Westfälische 2014
Dokument erstellt am 30.11.2012 um 18:48:45 Uhr
Letzte Änderung am 03.12.2012 um 10:40:45 Uhr


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