Wer die Region entdecken will, sollte sich Zeit nehmen für Landschaft, Kultur und Genuss
VON JOSEF THESING
Die Sonne scheint, und Andela Nuic ist zufrieden. "Hier ist alles eine Frage des Wetters", sagt die 31-Jährige. Und meistens ist das Wetter gut. Viele sitzen vor den Cafés in der Altstadt von Zadar und genießen den Tag. "Die Leute sagen immer, dass die Menschen in Dalmatien faul sind. Aber das stimmt nicht. Wir arbeiten nach dem Wetter."
Der "Jugo", ein schwerer Regen, hat in den vergangenen Tagen Spuren hinterlassen. Auch bei Andela. Die Laune hat sich verschlechtert. "Spätestens nach drei Tagen ist es dann vorbei."
Aber jetzt ist Sommer, und der wird lange dauern, bis dann vielleicht "Bora" kommt, der Sturm aus dem Gebirge, der "mit 380 Stundenkilometern sogar durch die Knochen bläst", beteuert Andela. Bis dahin wird genossen, was nicht schwer ist entlang der dalmatinischen Küste mit ihren vielen Buchten und sonnigen Stränden.
Info
TIPPS
Anreise: Mit dem Auto oder mit dem Flieger. In Verbindung mit der Lufthansa bietet Croatia Airlines Flüge nach Zagreb oder Split an. Wer die Schönheiten und Besonderheiten der Region kennenlernen will, sollte beweglich sein. Reisezeit: Der Sommer in Dalmatien ist lang, kann aber auch heiß werden. An der Küste weht aber oft ein frisches Lüftchen. Die beste Reisezeit sind Frühling und Frühsommer sowie der Spätsommer. Nützliche Tipps gibt es bei den Tourismusverbänden der Region, zum Beispiel unter www.sibenikregion.com. Ausführliche Infos über die Kulturgüter Kroatiens sind unter www.unesco.org zu finden.
Aber so einfach will Andela, die auf eine Lehrerstelle wartet und als Stadtführerin in Zadar arbeitet, ihre Zuhörer mit dem Genießen nicht davonkommen lassen. Denn wer in diesem Teil Kroatiens unterwegs ist, stößt überall auf Geschichte – von den Römern bis zu den Kelten, die vor 3.000 Jahren Spuren hinterlassen haben. Auch der jüngste Krieg im ehemaligen Jugoslawien, den Andela als Dreijährige auf der anderen Seite in Sarajevo miterlebte, hat vielerorts Spuren und Leid hinterlassen. "Immer war jemand da, der über uns bestimmen wollte", sagt sie – egal, ob Römer, Östereicher, Franzosen, Italiener oder Serben. Deshalb: "Wir sind sehr skeptisch, wenn wir etwas sein sollen."
Und warum das so ist, sei auch klar. "Kroatien ist gerade einmal 17 Jahre alt und steckt mitten in der Pubertät." Das hat die Menschen nicht davon abgehalten, die jüngsten Kriegsspuren zu beseitigen und viel zu tun für ihr Land, das in vielen Bereichen zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt und Menschen aus aller Welt anzieht. Ob der einzigartige Nationalpark Plitvicer Seen mit seiner terrassenförmigen Gewässerlandschaft zwischen den Felswänden und den beeindruckenden Wasserfällen, oder die Inselaltstadt von Trogir mit ihren engen Gässchen: Wer das Erbe der Weltkultur erleben will, muss keine allzu langen Tagesetappen in Angriff nehmen. Von Šebenik nach Vodice, beides idyllisch am Wasser gelegene alte Städtchen, sind es gerade mal 30 Minuten Fahrtzeit.
Dann geht es zum Beispiel mit dem Schiff zur Insel Prvic, eine der zahllosen Inseln, in deren kleinen Ortschaften Hektik ein Fremdwort ist. Das Meer ist "ruhig wie Öl", wie die Menschen dort sagen. Das tut der Seele gut und lässt die Zeit vergessen, vielleicht auch weil es keine Autos gibt.
Der kroatische da Vinci
Alte Männer sitzen auf der Terrasse des Restaurants von Darko Livic und lesen Zeitung. Und sie erzählen stolz vom großen Erfinder, der in Prvic Luka gelebt hat und für den gerade ein neues Museum gebaut wird: Faust Vrancic. Sie nennen ihn den "kroatischen da Vinci", weil er im 16. Jahrhundert Fallschirme, Seilbahnen, Hängebrücken und jede Menge Gerätschaften erfunden haben soll, deren Modelle derzeit in einem kleinen Saal lagern.
Darko Livic redet lieber vom guten Essen. "Fisch muss schwimmen, mindestens dreimal – im Wasser, im Olivenöl und im Wein" ist eine seiner kulinarischen Devisen. Dabei serviert er gebratene Goldbrasse – gefischt direkt vor der Tür – mit Knoblauch und Kräutern. Ein paar Meter weiter wird gerade der fangfrische Tintenfisch gewaschen. Einsam sei ihm nie, sagt Darko, inzwischen 61 Jahre alt.
Sie rufen ihn "Pirgo" wie seinen Vater und seinen Großvater, was übersetzt "der Mann, der nicht arbeiten will" heißt. Das stimmt natürlich nicht, beteuert Darko, der auf der Insel geboren wurde. "Wenn keine Gäste da sind, gibt es immer was zu tun. Erst das kleine Boot, dann das große. Und dann vielleicht wieder das kleine", schmunzelt er, der das ehemalige Wohnzimmer zum Restaurant umfunktioniert hat.
Politische Gespräche im Wohnzimmer
Im Winter geht er zum Fischen und produziert Olivenöl. Aber Arbeit und Stimmung – die sind auch bei ihm abhängig von der Wetterlage. "Meine Frau wollte fünf Jahre hierbleiben. Daraus sind inzwischen 31 geworden." Den Bankrott im Bürgerkrieg hat er überwunden, mit der gleichen Ausdauer, wie er seine Gäste verwöhnt und seine Lebensgeschichte erzählt. Wer keine Zeit hat, sollte woanders hingehen.
Schließlich heißt sein kleines Restaurant "Mareta". Das bedeutet "kleine, ruhige Wellen". Zeit hat auch der Bürgermeister der Insel, der die politischen Gespräche in seinem kleinen Wohnzimmer auf abgenutzten Möbeln in einem ärmlich aussehenden Haus führt. Er spricht italienisch, war mal Attaché beim Vatikan und gilt als diplomatisch und gebildet. Im Krieg kam er auf die Insel, erzählt Goran Kursar, während er verschiedene selbstgebrannte Schnäpse auf den Tisch stellt.
"Erst kommt die Mutter..."
Ob es einen linken oder eher rechten Gemeinderat gibt, spiele keine allzu große Rolle. Über seine Zeit beim Geheimdienst spricht er nur wenig, lieber über seine Mutter, um die er sich kümmert.
"Erst kommt die Mutter, dann die Blumen, dann der Olivenhain und dann die Politik", hat er klare Präferenzen. Apropos Blumen: Ein ganzes Boot voller frischer Pflanzen hat er gerade vom Festland zum Verschönern der eh schon traumhaften Insel geholt. Die Regionalregierung hat sie spendiert. Es war ein wichtiger Tag für den Bürgermeister.
Ein paar Meter weiter genießen seine älteren Wähler den Sonnenuntergang über dem kleinen Hafen.
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