Barg/Nicke: Stadt soll Immobilien-Fonds über 300 Millionen Euro zum Ausgleich für Verluste anlegen
Bad Oeynhausen. Nadine Henschel ging hoffnungsvoll an den Hauskauf. "Bis dahin hatte das 40 Jahre mit der Nordumgehung gedauert. Warum sollten nicht noch weitere 30 Jahre dazu kommen." Trocken resümiert die Mutter von zwei Kindern: "Jetzt sind es nur fünf Jahre geworden." Denn inzwischen scheppern die Bagger für den Anschluss Eidinghausen vor dem Kinderzimmerfenster, von dem die Familie einen famosen Blick über den aktuellen Stand der Bauarbeiten hat.
Dieser Ausblick könnte, geht es nach der im Rat vertretenen Fraktion Nicke/Barg schon bald gutes Geld wert sein. Die beiden früheren Politiker der Bündnis-Grünen wollen in der Ratssitzung am 24. Juni einen entsprechenden Antrag stellen.
Wörtlich heißt es: "Der Rat möge umgehend die Einrichtung eines Immobilienfonds in Höhe von 300 Millionen Euro zum Ausgleich, der durch die Nordumgehung entstandenen und noch entstehenden Verluste an privaten Immobilienwerten beschließen. Der Betrag ist von der Kommune Bad Oeynhausen und anteilig von den verantwortlichen Ratsfrauen und -herren aufzubringen."
Die Fraktionsvorsitzenden der vier Ratsparteien reagierten nach Vorab-Information durch die Neue Westfälische mit Empörung.
SPD-Fraktions-Vorsitzender Olaf Winkelmann fragte irritiert, ob es sich um einen verspäteten Aprilscherz handele. Grünen-Sprecher Rainer Müller-Held wertete den Vorstoß als "billigsten Populismus".
CDU-Fraktions-Vorsitzender Kurt Nagel sah sich gar als möglichen Profiteur: "Ich wohne 400 Meter von der Nordumgehung entfernt, 400 Meter von der Dehmer Spange und 40 Meter von der Dehmer Straße." Wobei der Christdemokrat diese Rechnung als "humoristische Einlage" verstanden wissen will, die im Rat nichts zu suchen habe. "Eine Ratssitzung ist eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Und das wird bei der CDU-Fraktion auch so bleiben", sagt Nagel und drückt damit sein Missfallen über den Antrag von Axel Nicke und Reiner Barg aus.
Ratskollege Olaf Winkelmann sieht Nicke und Barg als "BBO-Fraktion" (Bürger für Bad Oeynhausen), die sich der Verantwortung für das Gemeinwohl stellen und sich "nicht nur um die Lobby-Arbeit für eine Interessengruppe" verstehen solle. Winkelmann wörtlich: "Ich empfehle den Herren der BBO, eine sechs-monatige Erholungskur zu beantragen – vielleicht wird ihr Auftreten dann wieder seriöser."
Freidemokrat Wilhelm Ober-Sundermeyer pflegt in solchen Fällen mitunter den spontanen Konter: "300 Millionen Euro reichen nicht, das müssen 500 Millionen Euro werden. Denn es geht nicht nur um die Nordumgehung, sondern auch um all die Leute, die an der Autobahn 2 leben." Um dann umgehend ernsthaft zu werden und Nicke/Barg eine deftige Abfuhr zu erteilen: "Das ist der größte Quatsch aller Zeiten."
Rainer Müller-Held macht "Wahlkampfgetöse" aus, das "jeder Grundlage entbehrt". Zugleich macht der Bündnis-Grüne deutlich: "Die Leute verlieren durch die Nordumgehung fürchterlich. Aber es ist nicht so, dass man daraus einen Rechtsanspruch ableiten kann."
Nadine Henschel, 30 Jahre, Mutter eines neunjährigen Sohnes und einer sechsjährigen Tochter sowie Inhaberin eines Hauses an Autobahn-Anschlussstelle Eidinghausen nimmt solche Erkenntnisse gelassen. Wertverlust? Ausgleichszahlungen? "Wir werden dieses Haus sowieso nie wieder los."