INTERVIEW: Warum der 20-jährige Michael Feindler hauptberuflich Kabarettist werden möchte
Bad Oeynhausen. Er ist gerade einmal 20 Jahre alt, aber sein Berufswunsch steht längst fest: Michael Feindler möchte hauptberuflich Kabarettist werden. Heute Abend stellt der Wuppertaler in der Druckerei sein erstes Soloprogramm "Allein unter Menschen - Kabarett nach Versmaß" vor. NW-Mitarbeiterin Elke Niedringhaus-Haasper sprach im Vorfeld mit dem Jungkabarettisten über seinen kurzen Weg zum Kabarett.
Herr Feindler, bei den deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften vor zwei Jahren haben Sie es ins Finale geschafft, 2008 bekamen Sie den Karl-Marx-Poesie-Preis der Stadt Trier überreicht. Kürzlich erschien Ihr erster Gedichtband "Rufe aus dem Publikum" im Lektora Verlag: Seit wann schreiben Sie Texte?MICHAEL FEINDLER: Die kürzeste Antwort darauf würde wohl lauten: Seit ich schreiben kann. Sobald man Freude daran gefunden hat, sich Dinge auszudenken und sie zu Papier zu bringen, hört man so schnell nicht mehr damit auf. Mit Gedichten in der Art, wie ich sie heute schreibe, habe ich vor etwa fünf Jahren begonnen.
Wie sind Sie vom Gedicht zum Kabarett gekommen?FEINDLER: Das klingt jetzt so, als sei das ein Widerspruch. Dabei sind Gedichte ein sehr geeignetes Mittel, um kabarettistische Inhalte zu vermitteln. Sie können nämlich Zusammenhänge präzise, verdichtet darstellen und dadurch auf den Punkt bringen. Genau das erwartet man doch auch von Kabarettisten. Dass ich beides verknüpfe und mich für die fließenden Übergänge zwischen Lyrik und Kabarett begeistern konnte, hängt vor allem damit zusammen, dass wir im Herbst 2004 an unserer Schule die Kabarettgruppe "Notbremse" gegründet haben. Die Texte, die wir auf die Bühne brachten, haben wir von Anfang an selbst geschrieben.
Ist Kabarett nicht eigentlich etwas für ältere Herren?FEINDLER: Kabarett betrifft jeden, weil nun einmal jeder Lebende unserer Zeit mit eben dieser Zeit und ihren Problemen zu tun. Für junge Menschen ist das Kabarett sogar noch wichtiger, wie ich finde. Denn wir sind schließlich diejenigen, die einmal die Verantwortung für dieses Land übernehmen sollen. Dazu müssen wir die schlechten Zustände zunächst erkennen und die Probleme beim Namen nennen. Das ist die Aufgabe des Kabaretts: Es ist unbequem und will uns daran hindern, Dinge hinzunehmen. Nur durch Veränderung statt Resignation ist Fortschritt möglich.
Was für eine Art Kabarett machen Sie?FEINDLER: "Kabarett nach Versmaß" oder "Lyrisches Kabarett" trifft es wohl am besten. Wie erwähnt, verpacke ich die Themen in gereimte Verse, gebe hin und wieder Wortwechsel in dieser Form wieder und beschreibe Situationen. Zum Teil passiert das auch mit Gitarrenbegleitung. Auf diese Weise hoffe ich den Zuschauern zu vermitteln, dass Gedichte viel interessanter und lebensnaher sein können, als uns das in der Schule immer weisgemacht wird.
Wie haben Sie sich auf Ihre Auftritte vorbereitet?FEINDLER: Die wichtigsten Vorbereitungen waren die Poetry Slams (Dichterwettstreit) und Lesebühnen, bei denen ich seit Sommer 2007 regelmäßig auftrete. Es gibt keine bessere Übung, als Texte vor Publikum zu testen. Das schließt zwar auch das Risiko mit ein zu scheitern, schult aber gleichzeitig deine Wahrnehmung für die eigene Wirkung und die Wirkung des vorgetragenen Textes. Wenn du quer durch Deutschland reist und jede Woche irgendwo für ein paar Minuten auf der Bühne stehst, bekommst du im Laufe der Zeit ein Gespür dafür, was ankommt und was nicht.
Bei der Dichterschlacht in Darmstadt haben Sie vor 900 Leuten gelesen. Und beim U20-Finale im Berliner Admiralspalast sogar vor 1.200 Gästen. Was war das für ein Gefühl?FEINDLER: Der fünfminütige Auftritt im Admiralspalast hat mir damals ziemlich viel Aufschwung gegeben. Es ist ein kaum vergleichbares Hochgefühl, auf der Bühne zu stehen und zu wissen: Die vielen Leute hören jetzt nur dir zu. Ich glaube, das ist eines der Schlüsselerlebnisse gewesen, die mir klargemacht haben: Das will ich später auch noch machen - am liebsten beruflich. Denn ich habe gemerkt, dass mich das Schreiben allein nicht zufrieden stimmt. Ich finde es weitaus reizvoller, direkt mit den Menschen in Verbindung zu treten, für die ich ja die Texte geschrieben habe.
2004 haben Sie mit ein paar Mitschülern das Kabarett "Notbremse" ins Leben gerufen. Zusammen mit dem Bad Oeynhauser Jannis Funk gründeten Sie das Schülerkabarettfestival "Zungenspitzen", das vom 10. bis 13 September in Bad Oeynhausen gastiert. Im Herbst wollen Sie in Berlin Politikwissenschaften und Philosophie studieren. Sie sind immer wieder auf Dichterwettbewerben vertreten und sind jetzt auch noch mit Ihrem eigenen Solo-Kabarett unterwegs. Wie schaffen Sie das alles?FEINDLER: Im Moment geht das ganz gut. Die Schulzeit habe ich vor einem Jahr und den Zivildienst im Februar beendet. Bis zum Studium habe ich dann noch einen Freiraum, den ich entsprechend nutzen kann, unter anderem auch für einen zweimonatigen Aufenthalt in Irland im Juli und August. Da bin ich dann einfach mal weg aus Deutschland, arbeite in einem Hostel an der Westküste und kann ein bisschen Abstand zu allem anderen gewinnen. Davon abgesehen, werde ich wohl immer Zeit für Dinge aufbringen können, die ich gern mache und an denen einem mir gelegen ist.
Heute Abend stehen Sie in der Druckerei mit "Allein unter Menschen - Kabarett nach Versmaß" auf der Bühne. Was können die Zuschauer erwarten? FEINDLER: Wie der Titel schon sagt, können sich die Zuschauer auf einen abwechslungsreichen Abend über Menschen freuen. Natürlich in Versform, mit realitätsnahen Gedichten.