Weltweite Konjunkturkrise trifft auch die Behinderten-Werkstätten des Wittekindshofes
Löhne/Bad Oeynhausen. Andrea Herse ist in ihrem Element. Rasant schiebt sie die Stofflagen durch die Nähmaschine, dreht und wendet das Kissen, füllt es mit Weizen und näht einige letzte Stiche. Fertig. "Ach, das ist okay", sagt die 38-Jährige und winkt ab. Auch wenn die Produktion von Körnerkissen gänzlich anders ist, als ihre eigentliche Arbeit. "Sonst schraube ich Umweltpumpen zusammen", sagt sie. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise sind diese Aufträge bei den Wittekindshofer Werkstätten eingebrochen.
So produzieren die Mitarbeiter derzeit für den Eigenverkauf. Zum Beispiel Körnerkissen. Und auch die beliebten Edelstahl-Grills gehen wieder in den Verkauf.
Und die Körnerkissen sind für Andrea Herse ein Leichtes. Hat sie doch, bevor sie in der Polsterei und nun in der Montage arbeitete, Taschen, Kissen oder Kuscheltiere genäht. "Es ist schön, mal wieder zu nähen", sagt sie. In Erwin Dickhoff hat sie einen fähigen Zuarbeiter gefunden. Er schneidet für die "Chefin", wie er die 48-Jährige nennt, den Stoff zurecht. "Jede Arbeit macht Spaß", sagt auch er. Hauptsache, man habe etwas zu tun. "Und nach 29 Jahren Schlosserei ist alles andere gut."
Die Wirtschaftskrise hat die Wittekindshofer Werkstätten voll erwischt. In einigen Bereichen gibt es zum Teil massive Umsatzeinbrüche, meldet Reiner Breder, Ressortleiter Arbeit. Die Erträge, die durch die Arbeit der Menschen mit Behinderungen erbracht werden, seien im ersten Quartal 2009 um 30 Prozent gesunken.
Den Anfang machte im Herbst 2008 die Automobilindustrie. Bis vor wenigen Tagen waren die Aufträge für die Spezialverpackungen stark rückläufig und tendierten gegen Null. Für den Bereichsleiter der Ulenburger Werkstätten, Karl-Heinz Rose, nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein menschliches Problem. "Die Herstellung der Kartonverpackungen kann auch von Schwerstbehinderten zuverlässig ausgeführt werden, weil sie keine ausgeprägten feinmotorischen Fähigkeiten brauchen."
Auch ein großer heimischer Kunde aus dem Bereich der Umwelttechnik hat Aufträge storniert. Da das Unternehmen selbst Kurzarbeit mache und die Abnahme der Umweltpumpen vor allem in Nordamerika rückläufig sei, müssten die Mitarbeiter im eigenen Hause ran. "So geht es vielen Auftraggebern. Wenn sie Kurzarbeit machen, dürfen sie extern keine Aufträge vergeben, sondern müssen alles in Eigenleistung machen."
Andrea Herse ist es im Prinzip egal, welche Arbeit sie erledigt. Hauptsache überhaupt Arbeit. Denn viele ihre Kollegen sind schon zu Bastelarbeiten oder Malen von Bildern übergegangen, um die Zeit in der Werkstatt zu füllen. "Aber das ist ja keine Beschäftigung auf Dauer", weiß Pressesprecherin Anke Marholdt. Reiner Breder beobachtet bereits Verhaltensauffälligkeiten bei Mitarbeitern, die nichts mehr zu tun haben.
Gründe fürs Nichtstun seien ihnen schwer zu erklären. Deshalb werde nach Möglichkeiten gesucht, eigene Produkte herzustellen. "Wir können und dürfen keine Kurzarbeit machen oder gar entlassen", so Marholdt. Behinderte Menschen hätten einen Rechtsanspruch auf einen Arbeitsplatz in einer Behinderten-Werkstatt. Zudem brauche man die Erlöse. "Davon werden die Behinderten bezahlt."
Jeder Auftrag macht Hoffnung auf Besserung. Dafür gehen die Angestellten des Wittekindshofes Klinkenputzen. Auch wenn kein Groß-Auftrag herauskommt, der für mehrere Monate Arbeit bringt. "Alles ist besser als Nichtstun", sagt Breder. Wobei es schwierig sei, Behinderte in neue Aufgabenbereich einzuarbeiten. "Manche sind nicht so flexibel."
Trotz Wirtschaftskrise können die Werkstätten aber nicht für jeden Preis arbeiten. Reiner Breder warnt vor Preisdumping: "Wenn wir jetzt unsere Dienstleistungen und Waren unter Preis verkaufen, schrumpfen die Erlöse, aus denen die Behinderten bezahlt werden."
Eine Patentlösung hat der Ressortleiter nicht. Er setzt auf die Treue der regionalen Auftraggeber. Dann können Andrea Herse und Erwin Dickhoff wieder schrauben statt nähen. Damit der Lagerbestand an Körnerkissen nicht ins Unermessliche wächst.