Bad Oeynhausen. Es begann wie ein Flug auf weichen Wolken und endete mit der Glut feuriger Zigeunerweisen: Der Weltklasse-Pianist Haiou Zhang nahm sein Publikum in der Wandelhalle im Sturm und setzte den absoluten Höhepunkt der bisherigen Klavierkonzerte der Weltklassik-Reihe. Einmal mehr hatten etliche Besucher das Nachsehen, weil der Ansturm auf das Konzert des chinesischen Ausnahme-Pianisten bei weitem das Platzkontingent überschritt.
Ein heiterer Auftakt: Mit Mozarts Klaviersonate in F-Dur stimmte Haiou Zahng auf Beethovens Mondscheinsonate ein. Romantisch und lyrisch, weich und wehmütig eröffnete der 24-Jährige die Klaviersonate, nahm sich Zeit, lehnte sich in extrem konzentrierter Körpersprache zurück und ließ jeden Ton wirken. Um dann im Presto agitato wie ein Tiger zum Sprung anzusetzen und über die Tastatur zu fliegen.
Dass die wahre Liebe des 24-Jährigen Franz Liszt gebührt, wurde nach der Pause schnell klar. Aus dem Repertoire des ungarischen Komponisten vereinte Haiou Zhang vier Stücke zu einem einzigen, eleganten Spannungsbogen: "Sonetto 123 del Petrarca", die selten gespielten "Les Jeux D’ Eaux A la Villa D’Este" (Wasserspiele in der Villa d’ Este), die Nr. 3 aus dem Poetischen Zyklus der Consolations (Tröstungen) und die extrem schwierige Bearbeitung der zweiten Ungarischen Rhapsodien. Dabei sorgte der Zufall für eine interessante Verstärkung: Während Haiou Zhang bei Liszts Sonate in h-moll noch die lauten Regengeräusche aus den weit geöffneten Fenstern der Empore überspielte, bettete die an rauschende Bachläufe erinnernde Akustik die Wasserspiele in der Villa D’Este in einen ungewöhnlichen Zusammenhang.
Als der chinesische Pianist in den Tröstungen schwelgte, war das Fenster längst geschlossen und auch die auf Zigeunerweisen zurückgehende Ungarische Rhapsodie blieb akustisch im Trockenen.
Ein langer Moment der Stille, dann tosender Applaus. Haiou Zhang bedankte sich mit zwei Eigenkompositionen, die in der Melodie von "Happy Birthday" verklangen.
33 Millionen Klavierspieler gibt es Schätzungen zufolge im Reich der Mitte: Haiou Zhang hat seinem Künstlernamen als Tastentiger längst alle Ehre gemacht.