Raul Wittemeier und Cordt Hollburg übernehmen Vertretungsstunden am Immanuel-Kant-Gymnasium
Bad Oeynhausen. Eigentlich sind Raul Wittemeier und Cordt Hollburg noch gar keine richtigen Lehrer. Klaus Keßler, Schulleiter des Immanuel-Kant-Gymnasiums (IKG), hat sie aber dennoch eingestellt. Seit August füllen die beiden nun - zur Freude der Schüler - die Lücken im Vertretungsplan am Gymnasium.
Ein halbes Jahr muss Raul Wittemeier aus Bünde noch studiereren. "Zurzeit schreibe ich an meiner Master-Arbeit, aber im Sommer werde ich mich für ein Referendariat bewerben", erklärt der 27-Jährige. Während er noch nicht ganz fertig ist, hat sein studentischer Kollege Cordt Hollburg seine Master-Arbeit bereits abgegeben und wartet auf das Ergebnis.
Obwohl beide ihre Lehramts-Ausbildung noch nicht beendet haben, unterrichten sie seit Beginn des Schuljahres am Immanuel-Kant-Gymnasium. Raul Wittemeier Mathematik, Cordt Hollburg Geschichte und Sozialwissenschaften. "Es ist durchaus üblich, Studenten als Vertretungslehrer einzustellen. Da sind wir kein Einzelfall", erklärt Schulleiter Klaus Keßler. "Da wir unterbesetzt sind und Erziehungsurlaub oder Krankheitsfälle nicht mehr abdecken können, sind wir auf solche Alternativen angewiesen, um den Unterricht nicht ausfallen lassen zu müssen."
Auf die Vertretungsstellen sind die beiden studentischen Lehrkräfte durch Zufall gestoßen. "Ich habe gesehen, dass in NRW 800 Vertretungstellen ausgeschrieben sind", berichtet Raul Wittemeier, "ein Anruf hat genügt, und zwei Wochen vor den Sommerferien hatte ich die Stelle." Cordt Hollburg sieht im Vertretungsunterricht vor allem eine gute Vorbereitung auf das Referendariat: "Das ist ein toller Einstieg ins Berufsleben", ist der Bielefelder überzeugt. Während Cordt Hollburg von diversen Schulen eine Absage erhalten hatte, weil er noch studiert, sagte Keßler sofort zu: "Ich musste vor meinem Referendariat auch als Lehrer arbeiten. Ohne Unterrichtserfahrung hat man für Sozialwissenschaften keinen Referendariatsplatz bekommen."
Am Gymnasium seien sie von Anfang an gut aufgenommen worden, loben Hollburg und Wittemeier: "Uns ist jeweils eine Lehrkraft als Mentor zugeteilt worden, der wir Fragen stellen können", erklärt Cordt Hollburg. Dank der tatkräftigen Unterstützung der Kollegen sehen die beiden auch keinen Unterschied in der Unterrichtsqualität für die Schüler: "In der achten Klasse lasse ich heute eine Mathearbeit schreiben. Die habe ich zusammen mit einer Kollegin vorbereitet", berichtet Raul Wittemeier.
Einen qualitativen Unterschied konnten auch die Schüler bislang nicht feststellen, das Gegenteil ist der Fall: "Wir haben gar nicht gemerkt, dass Herr Wittemeier noch studiert", sagt die 14-jährige Michelle Schacht überrascht. Die Achtklässlerin Jasmin Dirkes findet die jungen Lehrkräfte sogar besser: "Wenn wir etwas nicht verstehen, erklären die jungen Lehrer die Aufgabe so lange bis sie sitzt - die älteren Lehrer haben da meist weniger Verständnis." Mehr Tipps für die Mathearbeit gab es, bei allem Verständnis, auch von den jüngeren Kollegen nicht.
Ganz so positiv sieht Doris Rodenberg, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Minden-Lübbecke Nord, die Situation nicht: "Studentische Lehrkräfte können nur eine Notlösung sein. Da sie unerfahren sind, können sie auch keinen eigenständigen Unterricht geben. Im Referendariat ist das zwar genauso, aber deshalb auch nicht besser. Ohne Begleit-Lehrer sollten auch Referendare nicht unterrichten dürfen."
Noch bis Ende Januar werden Cordt Hollburg und Raul Wittemeier am Gymnasium unterrichten. Lediglich die Oberstufe bleibt ihnen - vorerst - vorenthalten.