Beamte aus Bielefeld, Minden und Bad Oeynhausen üben am Kant-Gymnasium Einsatz bei Amok-Lauf
Bad Oeynhausen. 1.570 Schüler und Schülerinnen. Mittendrin ein Amokläufer. Der stürmt gestern Morgen die Eingangshalle des Immanuel-Kant-Gymnasiums, schießt wild um sich, verletzt dabei etliche Personen. Ehe er sich auf der zweiten Etage im Zimmer N 310 der Klasse "7g" verschanzt. Und wo er wenig später von zwei Streifen-Beamten entdeckt wird.
Tot liegt er zwischen Tafel und Waschbecken, Pistole und leer geschossene Patronen-Magazine neben sich. Suizid. Der Täter habe die Ausweglosigkeit seines Tuns erkannt.
"Die Rolle war ganz einfach", gesteht später Thomas Bensch, der sich als Amokläufer zur Verfügung gestellt hat und der zwei Magazine mit Platzpatronen leer geschossen hat."
Normalerweise ist Bensch Einsatztrainer bei der Kreispolizei Minden. "Den eigentlich schweren Job hatten die Kollegen der Bad Oeynhausener Wache, Ilka Wandtke und Ulrich Sieh. Die waren zuerst am Tatort."
"Wir wussten, das etwas auf uns zukommt", räumt Sieh ein. Der 47-Jährige ist wie alle Kräfte der Polizeiwache für solche Situationen geschult. "Das Adrenalin steigt dann doch", gibt seine 33-jährige Kollegin zu, die ebenfalls mit gezogener Waffe das Gymnasium gestürmt hat. Die schusssichere Weste ist echt, die rote Pistole nicht - es ist eine Übung.
Doch die soll so realistisch wie möglich ausfallen. Und darum sind Statisten einer Bielefelder Polizeihundertschaft im Einsatz. Sie stellen sich als Opfer dar, schreien vor Angst und Schmerzen. Im Hintergrund schrillt unaufhörlich die Alarmanlage des Gymnasiums.
Das alles hören Sieh und Ulrich, die zudem durch weitere Schüsse des Täters geschockt werden. "Dazu kommt noch der ganze Funkverkehr mit denAlarmierungen der Einheiten aus Lübbecke und Minden", erklärt Polizeirat Dirk Guschmann, der als Beobachter das Geschehen verfolgt und der Leiter des Abteilungsstabs ist. "Da prasseln die verschiedensten Eindrucke auf die Polizisten ein."
"In so einem Fall sind das ganz normale Streifenbeamte, die im Erst-Einsatz sind", beschreibt Thomas Bensch die Lage. "Von ihnen erfahren wir, was sich in der Schule abspielt." "So ein Einsatz ist äußerst gefährlich, deswegen müssen die Kollegen sofort in Deckung gehen. Das ist purer Stress", ergänzt Polizeirat Guschmann.
Was Ulrich Sieh bestätigt: "Das ist für uns kein Alltag. Es gibt aber genügend Gelegenheiten, damit wir so etwas trainieren können."
Erstmals jedoch wird direkt an einer Schule geübt. Dirk Guschmann: "Wir haben so etwas schon einmal im vergangenen Jahr in Lübbecke gemacht, damals handelte es sich allerdings um ein leer stehendes Fabrikgebäude."
Und nun - in den Herbstferien -das Immanuel-Kant-Gymnasium, in dem Sieh und Wandtke auf sich allein gestellt sind. "Das ist nicht so, wie bei einem Banküberfall, bei dem erst einmal auf das Eintreffen der Spezialeinheiten gewartet wird", klärt Klaus-Peter Lauterbach auf, der neben Bensch Einsatztrainer bei der Kreispolizei ist. "Hier geht es darum, möglichst schnell in Richtung Amokläufer zu agieren - zackig zum Täter."
Ein erstes Fazit zieht Einsatztrainer Thomas Bensch gleich nach dem Abzug der etwa 50 alarmierten Kräfte. Dabei spart er nicht mit Lob für Ulrich Sieh und Ilja Warnke: "Soweit ich das verfolgen konnte, haben die sich sehr gut verhalten." Was die beiden Bad Oeynhausener Beamten zufrieden aufnehmen.
Im Ernstfall würden sie wieder so vorgehen. Mit dem gleichen Elan. Aber auch der selben Aufmerksamkeit. Ilka Wandtke: "Das Adrenalin macht einen schon vorsichtig."