Prof. Dr. Thomas Huber, Klinik am Korso, hält nichts von Verboten und fettreduzierten Produkten
Bad Oeynhausen. Der Sommer hat’s gezeigt: Viele Menschen haben das eine oder andere überflüssige Kilo unterm engen T-Shirt. Fast 56 Prozent der Bevölkerung bringen zu viele Pfunde auf die Waage, vermeldete jüngst das Landesamt für Statistik in Düsseldorf (die NW berichtete). Eine Einschätzung, die Prof. Dr. Thomas Huber (41), Chefarzt der Klinik am Korso, teilt. Auch wenn er seiner Devise "leichtes Übergewicht, ist gesünder als leichtes Untergewicht", treu bleibt. Von Diäten, Light-Produkten und Fertiggerichten rät der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ernährungsmedizin allerdings ab.
"Wir müssen uns klar machen, dass unsere Lebensweise und unsere biologischen Anlagen weit auseinander klaffen", erklärt Thomas Huber. Zum einen sei der Körper es gewohnt, mit Hunger klar zu kommen und für Notzeiten Energie zu speichern, andererseits habe er keine Chance, das permanente Überangebot zu verarbeiten.
"Wir gehen nicht mehr zur Jagd, sondern fahren zum Supermarkt, wir haben Autos, Rolltreppen und andere Dinge, die das Leben erleichtern. Dementsprechend verbrauchen und brauchen wir weniger Kalorien." Auch das Überangebot sei entgegen dem menschlichen Naturell: "Menschen essen mehr, wenn sie mehr Auswahl haben." Deutlich werde das durch eine Studie: So greifen Menschen vorm Fernseher seltener zu bunten Schokolinsen, wenn es nur sieben Farben gibt. "Sind es elf Farben, wird mehr gegessen."
Tag der offenen Tür zum 25.
Eröffnet wurde die Klinik am Korso 1985. Grund, in diesem Jahr den 25. Geburtstag zu feiern – und die Bevölkerung einzuladen. Es gibt am Freitag, 17. September, einen offiziellen Festakt im Theater im Park und von 12 bis 18 Uhr einen Tag der offenen Tür am Ostkorso 4.
In Deutschlands einziger Spezialklinik zur Behandlung von Essstörungen kommen keine fettreduzierten - sogenannte Light-Produkte - auf den Tisch. "Denn davon essen sie mehr als vom fetten Käse." Auch Fertiggerichte halten dem kritischen Blick des Bad Oeynhauseners nicht stand: "Meiden oder sehr sorgfältig auswählen - denn Geschmacksverstärker regen den Appetit an." Wobei Huber auch klarstellt: "Nicht jeder Übergewichtige hat eine Essstörung."
Er warnt davor, sein Essen künstlich zu verändern. Das habe grundsätzlich negative Folgen. Zum Beispiel bei einer Diät: "Sie nehmen danach immer mehr zu, als sie abgenommen haben." Der Jojo-Effekt habe damit zu tun, dass der Körper grundsätzlich auf Hunger gepolt sei: "Sobald es dann wieder etwas zu essen gibt, bunkert er - für schlechte Zeiten."
Auch Verbote, so weiß Huber, nützen nichts. "Im Gegenteil - sie erhöhen die Attraktivität." Stattdessen solle der Mensch auf sein Hunger- und Sättigungsgefühl hören, lange Hungerphasen vermeiden und regelmäßige Mahlzeiten einhalten. "Lassen Sie die Finger von Diäten", warnt Huber, der in England, Amerika und an der Medizinischen Hochschule Hannover gearbeitet hat. "Ich darf alles, aber ich muss auf meinen Körper, seinen Hunger und seine Sättigung hören", erklärt er. Und vor allem eines: "Reste lassen." Gerade das sei für viele Menschen schwierig.
Nicht nur Erwachsene haben mit lästigen Pfunden zu kämpfen, auch Kinder und Jugendliche werden immer dicker, sagt Wolf-Dietrich Brettschneider von der Uni Paderborn. Nach Angaben des Sport- und Gesundheitswissenschaftlers sind bereits zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig. Dass, so Thomas Huber, liege an den fehlenden Strukturen in den Familien.
"Es gibt kaum gemeinsame Mahlzeiten, es wird nicht mehr gekocht, sondern zwischendurch vorm Fernseher gegessen." Eltern müssten ihren Kindern Bewegung vorleben und öfter gemeinsam am Tisch sitzen. "Früher gab’s mehr Rituale - freitags Fisch, sonntags Braten und am Nachmittag die Kuchentafel", zählt Huber auf. Wenn es nach ihm geht, muss unsere Gesellschaft in Sachen Gewicht toleranter werden: "Wir brauchen eine Gesellschaft von sehr dünn bis hin zum etwas Übergewichtigen", wünscht er sich. Denn das sei das reale Leben.