Bad Oeynhausen. Der Schock sitzt tief. Noch immer gibt es viele Kurstädter, die nicht glauben können, dass die stets umtriebige Betti S. mit ihrem 17-jährigen Bekannten Joel V. für 28 Überfälle und 39 Brandstiftungen verantwortlich ist. Auch Betroffene wie Landwirt Andreas Diekmann geben sich vorsichtig. Nach einem Feuer musste der Eidinghausener den Verlust von 50 Jungbullen und einem Stall verkraften. "Was weiß ich denn", fragt sich Diekmann, "wann der nächste Brandstifter kommt."
Die vor einer Woche wegen der Brandstiftungen und Raubüberfälle verhaftete 31-Jährige sitzt in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld; ihr mutmaßlicher 17-jähriger Komplize befindet sich im Herforder Jugendgefängnis. Offen ist, wann und mit welchen Vorwürfen die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt. Wie die NW berichtete, wirft die Polizei dem am Dienstag vergangener Woche bei einem Überfall auf die Aral-Tankstelle an der Werster Straße verhafteten Paar eine gemeinschaftliche Beteiligung an jener Serie von Brandstiftungen und Raubüberfällen vor, die die Region seit über einem Jahr in Schrecken versetzte.
"Die ist in Bad Oeynhausen bekannt wie ein bunter Hund", meinte gestern ein Kenner der Gastro-Szene. Unter anderem ging die Frau als Fotografin für ein Werbe-Blatt im "New Orleans" am Inowroclaw-Platz ein und aus. "Die wusste, wo sie bei uns im Büro ihre Bilder einscannen konnte. Die wusste aber auch, wo sich unser Tresor befindet", sagt Geschäftsführer Wais Sharqzad, der ahnt, dass auch sein Lokal auf der Liste der Räuber stand.
"Das ist doch die . . ."
"Die werden uns nur deswegen nicht überfallen haben, weil wir an diesem Juli-Abend noch Handwerker im Haus hatten", glaubt der Wirt. Sein Kompagnon Samet Jasari war es, der die Polizei auf die richtige Fährte führte. "Der Polizist notierte sich den Namen, stutzte und strich dann die eben gerade aufgeschriebenen Buchstaben", sagt Jasari. "Das ist doch die . . .", soll der Uniformierte gesagt und danach sein Notizbuch geschlossen haben.
Dennoch hefteten sich die Fahnder der Verdächtigen an die Fersen. Nach Auskunft von Christoph Mackel von der Staatsanwaltschaft Bielefeld stünden die Ermittlungen derzeit am Anfang. Offen sei, ob die gesetzlich geforderte Sechsmonatsfrist der Untersuchungshaft bis zu einem Urteilsspruch ausreiche. Sollte hier die Zeitrahmen nicht genügen, müsse das Oberlandesgericht eine Verlängerung überprüfen. Zu den laufenden Ermittlungen seien jetzt weitere Vernehmungen erforderlich. Auch eine psychiatrische Untersuchung beider Tatverdächtiger werde noch folgen.
Bettis Anwältin, die Bielefelder Strafverteidigerin Christina Peterhanwahr, hat ihre Mandantin zuletzt am Freitag gesehen. Die Haft sei sehr bedrückend für sie, war zu erfahren. Vom "lockeren Plauderton" (so die Ermittler) bei der Vernehmung sei nichts mehr übrig geblieben. Christina Peterhanwahr als Erklärung: "Die wollte reinen Tisch machen." Die Anwältin hofft auf zügige Ermittlungen, "damit rasch Anklage erhoben werden kann."
Strafgesetzbuch sieht Haftstrafe bis 15 Jahren vor
Mackel geht derweil davon aus, dass bis zu einer Anklageerhebung mindestens mehrere Wochen vergehen werden. Noch sei nicht entschieden ob beide Tatverdächtige in ein Verfahren einbezogen seien oder ob es später zu getrennten Verhandlungen komme. Sollte der 17-Jährige allein auf der Anklagebank sitzen, werde der Gerichtsprozess im Jugendstrafrecht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.
Bislang sitzen die beiden Tatverdächtigen aus Bad Oeynhausen wegen eines auf "räuberische Erpressung" lautenden Haftbefehls ein. Das Strafgesetzbuch sieht hier eine Haftstrafe von drei bis 15 Jahren vor. Geständnisse zu 28 Raubdelikten lagen Ende vergangener Woche der Polizei bereits vor. 39 Brandstiftungen hatte die 31-Jährige zugegeben.
Eine diese Taten betrifft die Diakonie, wo Fahrzeuge in Flammen standen und wo die Feuerwehr ein Übergreifen auf das Hauptgebäude verhindern konnte. Die Vorstandsvorsitzende Kerstin Hensel gab sich gestern erleichtert über die Festnahme. "Bislang hatten wir immer noch so ein bedrückendes Gefühl." Ein bitterer Beigeschmack bleibe jedoch: "Da haben Menschen großen Schaden angerichtet. Belangen werden wir sie aber nicht können, weil da nichts zu holen ist."
Unterdessen wartet Landwirt Andreas Diekmann darauf, dass auf seinem Hof wieder Normalität einkehrt. "Ende nächster Woche wird der Stall abgerissen. Ende August soll der neue Stall stehen."