Vorstoß der Politik zum Mindesthaltbarkeitsdatum ruft Ent- und Versorger auf den Plan
Bad Oeynhausen. Der Rabatt von 30 Prozent hat keinen einzigen Käufer überzeugt. Deswegen landet die Achterpackung probiotische Magermilch genauso im Müll, wie die vakuumverpackte Salami im Kräutermantel. Und wieder schiebt Dieter Körtner eine grüne Tonne auf die Ladefläche seines Transporters. 50 Tonnen im Mühlenkreis jede Woche. Bis zu 100 Kilo schwer. Zusammen getragen an Supermärkten, deren Kundschaft höchst sensibel auf das Mindesthaltbarkeitsdatum achtet. Noch. Denn jetzt hat die Politik in Berlin das Thema erkannt. Körtners Tonnen könnten leichter werden.
Der Verbraucherausschuss des Bundestags will das Problem weggeworfener Lebensmittel und des Mindesthaltbarkeitsdatums im Blick behalten, heißt es aus Berlin. Eine endgültige Klärung über den Umgang mit dem Begriff habe es noch nicht gegeben, sagte der Vorsitzende Hans-Michael Goldmann (FDP) unlängst der Nachrichtenagentur dpa. Für Lösungsvorschläge solle zunächst auch eine vom Bundesverbraucherministerium vorgesehene Studie zur Lebensmittelverschwendung abgewartet werden.
Goldmann bekräftigte, dass aus seiner Sicht eine Verbesserung des Begriffs Mindesthaltbarkeitsdatum nötig sei, da er eine Wegwerffrist suggeriere. "Daher plädiere ich dafür, alle Lebensmittel mit zwei Angaben zu versehen: Voller Genuss bis zum Tag X und essbar bis zum Tag Y."
Damit hat der Freidemokrat nicht nur Körtner auf den Plan gerufen. Sondern auch die Zuträger der seit Jahren etablierten Tafeln. Etwa jener Einrichtung des Diakonischen Werks für Bedürftige in Bad Oeynhausen, der Handelsketten und Lebensmittelmärkte unverkäufliche Ware zur Verfügung stellen.
"Mit gemischten Gefühlen" verfolgt Tafel-Mitbegründer Lothar Wittkowski den Vorstoß der Politik. Noch gebe es ausreichend Ware, im Moment sogar im Überfluss. "Richtung Weihnachten und Silvester türmen sich bei uns die Sachen. Die Tendenz ist Ende Januar, Anfang Februar generell schwächer", sagt der 52-Jährige, der keine Erklärung für diese Schwankungen hat und der sich jetzt um die Zukunft der Tafel sorgt: "Wir müssen die weitere Entwicklung abwarten."
Weniger Sorgen macht sich Lothar Wittkowski um die Qualität der Spenden. "Alles, was wir selber essen würden, das nehmen wir mit." Gerade bei Konserven bestehe ausreichend Spielraum: "Da kann man getrost noch ein halbes Jahr drauflegen. Wittkowski stellt klar: "Auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, dann heißt das nicht, dass die Ware schlecht ist."
Dem kann sich Dieter Körtner nur anschließen – obwohl er von der Wegwerf-Mentalität profitiert. Der von der Lohe stammende Speiserest-Verwerter steuert unter anderem Kliniken wie die Johanniter Ordenshäuser oder Altenheime wie das Senioren-Zentrum Bethel an. Und eben "jede Menge Märkte", wo Obst und Gemüse, aber auch verpackte Lebensmittel anfallen.
"Das wird alles sinnvoll genutzt", sagt Körtner, der die gefüllten Tonnen zu einer Biogas-Anlage im niedersächsischen Leese transportiert, wo die Lebensmittel mit technischer Hilfe aus den Verpackungen herausgepresst und dann der Verwertung zugeführt werden.
"Die Verpackungen sortieren wir getrennt", verspricht der Entsorger, der die aktuellen Diskussionen kritisch begleitet. "Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist Quatsch. Wenn so etwas im Kühlschrank liegt, dann kann man viele Lebensmittel auch noch eine Woche nach dem Ablauf des Datums essen."
Dieter Körners Fazit: "Vieles wird einfach viel zu schnell weggeworfen."