INTERVIEW: Dr. Alexander Hemmersbach zum Umgang mit der "Alzheimer-Erkrankung"
Bad Oeynhausen. Sein freimütiges Bekenntnis hat für Schlagzeilen und Mitleid gesorgt: Der ehemalige Schalker Fußball-Manager Rudi Assauer ist an Alzheimer erkrankt. Von Dr. Alexander Hemmersbach, Vorstandsmitglied der Alzheimer-Gesellschaft Minden-Lübbecke und Chefarzt Neurologie der Johanniter-Ordenshäuser, bekommt er zusätzlich Lob. "Es ist gut, sich nicht mit seiner Erkrankung zu verstecken," erläutert der Fachmann im Gespräch mit NW-Redakteurin Heidi Froreich.
Herr Dr. Hemmersbach, Alzheimer- und Demenzerkrankungen sind noch immer für viele Menschen ein Tabuthema. Nun hat sich mit Rudi Assauer ein weiterer Prominenter zu seiner Alzheimer-Erkrankung bekannt. Hilft das anderen Patienten und Angehörigen, offener damit umzugehen? DR. ALEXANDER HEMMERSBACH: Prinzipiell kann es helfen, wenn man als Betroffener oder Angehöriger eines Patienten sieht, das jeder betroffen sein kann. Demenz-Erkrankungen sind an sich in unserer Gesellschaft zunehmend kein Tabuthema mehr, für die Patienten und deren Angehörigen ist es aber gut zu sehen, dass man nicht allein ist.
Rudi Assauer hat nicht nur für Bier Reklame gemacht, sondern häufig selbst Alkohol genossen. Kubanische Zigarren hat er auch ganz gern geraucht. Haben diese Laster seine Erkrankung verursacht? HEMMERSBACH: Häufiger Genuss von Alkohol oder Nikotin führen nicht direkt zu einer Alzheimer-Erkrankung. Allerdings kann insbesondere der übermäßige Konsum direkt oder indirekt über eine Störung der Durchblutung beispielsweise zu Schädigungen des Gehirns führen, die sich dann in Symptomen äußern, wie sie bei einer Demenzerkrankung auftreten.
Mal abgesehen vom Alter - erhöht auch eine Alzheimer- oder Demenzerkrankung in der Familie das eigene Risiko? HEMMERSBACH: Bei einem kleineren Teil der Alzheimer-Demenz liegt eine vererbte Form vor, das ist bei etwa zehn Prozent der Erkrankungen der Fall. Durchschnittlich wird hier die Anlage an jedes zweite Kind vererbt. Die Erbanlage allein reicht aber nicht aus,um zu erkranken. Es müssen noch andere Faktoren hinzutreten. Insgesamt kann man aber sagen, dass bei einer Alzheimer-Erkrankung in der Familie das Risiko erhöht ist.
Gunter Sachs hat sich im letzten Jahr das Leben genommen, um sich " würdelose letzte Tage" zu ersparen. Ist diese Befürchtung begründet? HEMMERSBACH: Mich hat das damals sehr geärgert, als ich Überschriften gelesen habe wie "Er nahm sich wegen Alzheimer das Leben". Was mögen damals die Betroffenen und deren Angehörigen gedacht haben? Hinzu kam dann noch, dass ja die Diagnose bei Herrn Sachs nicht einmal feststand.
Rudi Assauer will gegen seine Krankheit ankämpfen. Macht dieses Vorhaben Sinn? HEMMERSBACH: Die Alzheimer-Erkrankung ist ein fortschreitender Prozess. Stoppen lässt sie sich nicht, aber man kann das Fortschreiten der Symptome verlangsamen. Wichtig ist, die vorhandenen Fähigkeiten zu nutzen und zu fördern.Es ist nicht gut, sich mit seiner Erkrankung zu verstecken.
In den Johanniter-Ordenshäusern gibt es seit einiger Zeit die Gruppe "Sport und Demenz". Wäre das beispielsweise ein nützliches Angebot ?HEMMERSBACH: In den Räumen und mit Unterstützung der Johanniter Ordenshäuser bietet die Alzheimer-Gesellschaft Minden-Lübbecke "Sport und Demenz" an. Hier treffen sich Betroffene, um sich gemeinsam und unter der Leitung von spezialisierten Therapeuten sportlich zu betätigen. Das führt zusätzlich zu einem Gemeinschaftsgefühl und kann so einer gesellschaftlichen Ausgrenzung und einem Rückzug entgegenwirken. Im übrigen kann Sport auch vorbeugend für eine Demenzerkrankung wirken. Regelmäßig dreimal pro Woche Sport - Wandern und Fahrradfahren reichen durchaus aus - reduzieren das Krankheitsrisiko um 40 Prozent.
Lässt sich der Krankheitsverlauf medikamentös verlangsamen? HEMMERSBACH: Es gibt bestimmte Medikamente, die den Krankheitsverlauf dadurch verlangsamen, dass sie bei den Betroffenen die Gedächtnisleistungen verbessern und dafür sorgen, dass sie im Alltag länger selbständig bleiben. Für einige Medikamente ist diese Wirkung auch in Studien nachgewiesen, längst aber nicht für alle, die mit einer Verbesserung der Hirnleistung werben. Es sollte auf jeden Fall vor dem Einsatz entsprechender Medikamente eine ärztliche Untersuchung stattfinden, um andere Erkrankungen, die zu ähnlichen Symptomen wie eine Demenzerkrankung führen, auszuschließen. Bei Einsatz entsprechender Medikamente muss deren Wirkung vom Arzt dann auch überprüft werden.
Demenzerkrankungen stellen für Angehörige besonders hohe Belastungen dar. Rudi Assauers Frau hat sich bereits von ihrem Mann getrennt. Wer und was hilft Angehörigen, die Kranke nicht allein lassen, sondern begleiten wollen? HEMMERSBACH: Im Kreisgebiet gibt es viele Angebote auch für Angehörige. Neben Betreuungsgruppen und offenen Cafés, bei denen sich Angehörige und Betroffene zum gemeinsamen Spielen und Austausch treffen, gibt es Selbsthilfegruppen und Kursangebote für Angehörige, die mehr über das Krankheitsbild erfahren wollen. Hier werden auch Verhaltensstrategien und der Umgang mit kritischen Situationen besprochen.