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05.06.2009
"Wir suchen nach Alternativen"
INTERVIEW: Gerd Wessling über die "Transition-Town-Bewegung" in Bielefeld

Bringen "Transition Town" nach Bielefeld | FOTO: KAI BECKER

Bielefeld. Die erste Versammlung war gut besucht. In Bielefeld planen engagierte Bürger die Gründung von "Transition Town", einer Bewegung aus England, die Städte verändern will. Wie, darüber sprach Mitarbeiter Kai Becker mit Gerd Wessling, einem der Initiatoren von Transition Town.

Herr Wessling, Transition Town, was bedeutet der Begriff?
GERD WESSLING: Die Transition-Town-Bewegung kommt aus England, deshalb der englische Name. In Deutschland wird auch die Bezeichnung Energiewende verwendet. Hinter der Bewegung stehen Menschen, die sich auf lokaler Ebene organisieren, um zukunftsträchtige Konzepte für die eigene Stadt zu entwickeln.

Warum sollen die Städte verändert werden?
WESSLING: Transition Towns reagieren auf die Klimaveränderung und die Energiepolitik. Unsere Gesellschaft ist vom Erdöl abhängig. Alles steht und fällt mit der Verfügbarkeit des braunen Goldes. Aber so wie heute wird es nicht ewig weitergehen.

In welche Richtung soll es gehen?
WESSLING: Transition Towns suchen nach Alternativen zu einer Lebensweise, die zu sehr auf ein Auslaufmodell gesetzt hat. Wir wollen die Städte eigenständiger gestalten, damit sie resistenter werden gegenüber äußeren Einflüssen wie etwa Ölknappheit.

Welche Ideen gibt es Bielefeld?
WESSLING: Wir setzen zum Beispiel auf die Vernetzung bestehender Interessensgruppen. Denkbar wären zum Beispiel Kooperationen mit Bethel-Euro und Teutotaler, ein Verzeichnis lokaler Produzenten und Läden von Nahrungsmitteln aus der Region, eine Weiterentwicklung von Car-Sharing oder Leih-Gärten, die Gemüseanbau auf städtischen Flächen fördern, vielleicht mit Schulen oder Vereinen.

Wer könnte den mitmachen bei Transition Town?
WESSLING: Ich könnte mit den VCD (Verkehrs-Club Deutschland), Kleingartenvereine, den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Attac, Laborschule, Welthaus, Verein Alt und Jung, Handwerksbetriebe oder Kaufleute vorstellen, die sich unter dem Dach Transition Town vernetzen. Die Ergebnisse würden in die Gesamtstrategie einfließen.

Wie ist die Bewegung in England entstanden?
WESSLING: Die Kleinstadt Totnes war die Keimzelle. Das Projekt entwickelte sich schnell zum Erfolg. Das Team wuchs, Untergruppen bildeten sich, um an speziellen Themen zu arbeiten. In England und Irland gründeten sich weitere Gruppen, dann schwappte die Bewegung auf andere Länder über.

Und was hat Transition Towns in England bisher gebracht?
WESSLING: Nach gerade mal drei Jahren Laufzeit in Totnes engagieren sich von den etwa 8.000 Einwohnern rund 500 Personen an dem Projekt. Fortlaufend werden neue Ideen entwickelt und erprobt. Da werden etwa in einer Art Tauschbörse ungenutzte Privatgärten an Menschen vermittelt, die darauf ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen. Projekte wie dieses füllen das Programm mit Leben.

Wie sieht es eigentlich hier bei uns in Deutschland aus?
WESSLING: In Deutschland gibt es meines Wissens zwei bis vier offizielle Gruppen. Einige befindet sich im Aufbau, wie etwa hier in Bielefeld. Unsere Stadt hat somit gute Aussichten, zu den ersten fünf Gründungen in Deutschland zu zählen.

Städte stehen im Wettbewerb zueinander. Könnte Bielefeld als Transition Town von einer Vorreiterrolle profitieren?
WESSLING: Unbedingt. Der Faktor Lebensqualität spielt in unserer Gesellschaft eine immer größere Rolle. Viele Menschen schauen genau hin, bevor sie sich für eine Wohngegend oder Stadt entscheiden.


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