Bielefeld. Als der 42-jährige Jan Zocha kurz nach 9 Uhr in den großen Schwurgerichtssaal des Bielefelder Landgerichts geführt wird, fühlen sich einige an die Figur des Hannibal Lecter aus dem Thriller "Das Schweigen der Lämmer" erinnert: Die Fußfessel erlaubt dem Häftling nur kurze Trippelschritte. Seine Hände stecken in Handschellen, die wiederum an der Vorderseite eines breiten um seine Taille geschnallten Gürtels fixiert sind.
Der stämmige Mann mit dem vollen Gesicht und dem schütteren kurzen Blondhaar wird von einer siebenköpfigen Eskorte begleitet: Drei mit schwarzen Wollhauben vermummte SEK-Beamte, drei Justizvollzugsbeamte in kugelsicheren Westen und eine Notärztin führen Zocha zu seinem Platz auf der Anklagebank. Weitere SEK-Beamte sind im und vor dem Saal verteilt. Hinzu kommen Justizbeamte des Landgerichts, die vor dem Eingang eine zusätzliche Personenkontrolle durchführen.
Die größtmöglichen Sicherheitsmaßnahmen gelten einem Mann, der in der freien Enzyklopädie Wikipedia als "deutscher Schwerverbrecher" und "König der Bankräuber" bezeichnet wird. Nicht zu Unrecht: Zocha beging bisher mehr als zwei Dutzend Banküberfälle, saß rund 20 Jahre im Gefängnis. Zuletzt verurteilte ihn das Landgericht Düsseldorf am 20. Juli 2005 wegen vierzehnfachen Bankraubs zu zwölf Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung.
Der Häftling rutschte aus
2004 wird der mit einem IQ von 140 hochintelligente Kriminelle in den Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede I verlegt, wo er seine Strafe in Einzelhaft verbüßt. Dort kommt es am 18. Februar vorigen Jahres zu einem Ausbruchsversuch, der Gegenstand des am Mittwoch begonnenen Prozesses gegen Zocha ist.
Als die Vollzugsbeamten Klaus J. (52) und Lothar B. (55) dem Häftling um 6.10 Uhr das Frühstück bringen, schleudert Zocha ihnen kochend heißes Wasser, mit seinem Tauchsieder erhitzt, in die Gesichter und beginnt sofort, mit einem abgebrochenen Stuhlbein auf sie einzuprügeln. Doch dann rutscht der Häftling auf dem verschütteten Wasser aus und stürzt. Trotz ihrer schweren Verbrühungen gelingt es den Beamten, Zocha in die Zelle zurückzudrängen.
"Ich habe eine Bombe, ich meine es ernst", brüllt der Häftling, dann gibt es in der Zelle eine Detonation. Nachdem Verstärkung eingetroffen und Zocha überwältigt ist, werden im Haftraum vier selbstgebastelte Sprengsätze sichergestellt. Der Gefangene hat durch die Explosion Verbrennungen an Arm und Kopf erlitten. Bis heute konnte nicht ermittelt werden, wie er an das verwendete Pulver kam, das als Bestandteil von Munition verwendet wird.
Der Angeklagte werde vorläufig schweigen, erklärt Zochas Verteidiger Andreas Kerkhof, Köln, zu Beginn der Verhandlung. Das Gericht vernimmt zunächst die verletzten Beamten als Zeugen. Während Klaus J. seinen Dienst in der JVA wieder aufgenommen hat, ist sein Kollege Lothar B. nach dem Vorfall vorzeitig pensioniert worden. Er hat die psychischen Folgen des Geschehens noch nicht überwunden. Dann Aufregung: Die Vorsitzende Jutta Albert teilt mit, dass der Angeklagte während der Verhandlungspause versucht habe, sich selbst zu verletzen. Näheres wird nicht bekanntgegeben. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.