Sternmarsch von 5.000 Demonstranten endet mit Polizeigroßeinsatz / Jahnplatz besetzt / Verkehrschaos
Bielefeld. Am Ende geht alles ganz schnell: Bereitschaftspolizisten räumen nach fünf Stunden den Jahnplatz, auf dem nach Gerichtsbeschluss nicht demonstriert werden durfte. 200 Schüler und Studenten sind übriggeblieben von einer der größten Demonstrationen in Bielefeld in den vergangenen Jahren. Knapp 5.000 junge Menschen waren für bessere Bildung auf die Straße gegangen. Einigen reichte das nicht.
Wie in anderen Städten im Land, in denen zum Bildungsstreik aufgerufen wurde, eskaliert die Situation in Bielefeld immer wieder. Dabei ist die große Mehrheit friedlich unterwegs. Von der Universität, aus Bethel, Schildesche und von der Ravensberger Straße machen sich die Gruppen auf den Weg in die Innenstadt. Am Polizeipräsidium gibt es eine kurze Sitzblockade.
Später am Jahnplatz verweilen viele länger als vorgesehen. Tags zuvor hatte das Verwaltungsgericht die Kundgebung ans Rathaus verlegt. Mit Musik, Trommeln und Pfeifen bringen sich Schüler und Studenten in Stimmung. "Wäre Bildung eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet" steht auf einem Plakat. Oder "2. Bildungsliga: Vorstand raus" in Anspielung auf einen Ex-Erstligisten. Schüler skandieren "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bildung klaut."
Als Marvin Weißmann von der Bezirksschülervertretung die Menge begrüßt, ist der Jubel groß. Von fast allen Gymnasien und Gesamtschulen sind Schüler gekommen. Unter knapp 5.000 Teilnehmern sind nach Schätzungen 800 bis 1.000 Studenten. Florian Straetmanns, Geschichtslehrer am Helmholtzgymnasium, redet auf dem Podium über große Chancen für die Jugend – "weil die herrschende Politik kein Konzept hat". Felix Eikmeyer vom Uni-Studentenausschuss kritisiert das selektive System: "Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen unseren Protestschrei hören."
Zu diesem Zeitpunkt gibt es viel Zustimmung von Passanten. "Gut, dass die dafür auf die Straße gehen, so wie wir damals 1968", sagt etwa ein 66-jähriger Kaufmann. Spätestens, als 100 Demonstranten Gleise am Rathaus blockieren, kippt die Stimmung. Die Polizei räumt die Schienen nach einer Stunde. Der Stadtbahnbetrieb fällt für fast 30 Minuten aus, Ersatzstrecken werden aktiviert. Bahnen stecken fest. Aus Wagen der Linie 1 im Tunnel müssen Fahrgäste hinausgeleitet werden.
Nach der Kundgebung macht sich die Mehrheit auf den Nachhauseweg, 200 verharren auf dem Jahnplatz. Eine 88-Jährige schüttelt den Kopf und sagt: "Ich habe Angst vor Gewalt. Wo Massen zusammenkommen, bleibt es nicht immer sachlich."
Als Wiegand Patzelt, Leiter der Bereitschaftspolizei, die Demonstranten um 16 Uhr dreimal über Megaphon auffordert, den Platz zu räumen, ahnen nicht alle, wie ernst die Lage ist: Die aus Gelsenkirchen, Bochum und Wuppertal angereiste Hundertschaft zieht einen Ring um Zurückgebliebene und sich daneben aufhaltende Passanten und schiebt die Menge von der Straße. In den Augen zahlreicher – zuvor noch übermütiger – junger Demonstranten steht plötzlich Angst. Ohne Personalienfeststellung lassen die Beamten Eingekesselte frei. Vereinzelt kommt es zu Aggressionen, Pfefferspray-Einsatz, Rangeleien. Es gibt fünf Festnahmen wegen Widerstand und Beleidigung.
Am Ende bleibt großer Diskussionsbedarf: über die Mittel der einen und der anderen Seite.