Der Historiker Arnulf Baring wirbt in Bielefeld für die Wiedereinführung des 17. Juni als Nationalfeiertag
Bielefeld. Gestern hätten alle Deutschen – bei feinem Wetter – frei haben können. Wenn es nach Professor Arnulf Baring geht, wäre der 17. Juni sofort wieder Nationalfeiertag, nicht der 3. Oktober. "Der dient doch nur der Selbstverherrlichung von Kohl", sagte der Historiker, Politikwissenschaftler, Jurist und Publizist als Vortragsgast bei der in Bielefeld umstrittenen Burschenschaft "Normannia-Nibelungen".
Zum 17. Juni gäbe es – im Gegensatz zum 3. Oktober – etwas zu erzählen: "Von einem "einzigartigen, führerlosen Arbeiteraufstand, der innerhalb von Stunden zu einer demokratischen Massenbewegung wurde." Außerdem, merkte Baring an, legen kluge Länder ihren Nationalfeiertag in den Sommer. Da mache das Feiern mehr Spaß.
Im wesentlichen argumentiert Baring jedoch politisch statt meteorologisch "Der 17. Juni hat einen besonderen Pathos, weil er aus einem Arbeiterprotest eine Volksbewegung geworden ist." Der 20. Juli, der Tag des missglückten Attentats von 1944 durch Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf Hitler sei weniger geeignet, "weil das ein Elitenaufstand war. Der ist schwerer zu vermitteln."
Baring skizzierte die Ereignisse um den 17. Juni 1953 in Ostberlin von den knapp 50 Zuhörern. Auslöser sei die Arbeitsnormerhöhung für die Bauarbeiter gewesen. Zuvor jedoch habe die DDR den Aufbau des Sozialismus forciert, was zu Frust und Flucht geführt habe. "Bauern und Handwerker wurden enteignet und die Christen verstärkt unterdrückt." Zudem habe der sowjetische Diktator Stalin zuvor die militärische Aufrüstung befohlen. Das alles hätte zu enormen ökonomischen Schwierigkeiten und schlechter Stimmung in der DDR geführt.
Als nach dem Tod Stalins im März 1953 die Sowjets die Zügel lockern wollten, die SED-Führung unter Walter Ulbricht aber nicht richtig mitzog, lief das Fass über. Die Bauarbeiter gingen am 16. Juni 1953 erstmals auf die Straße. "Diese waren generell bereit, hohe Risiken einzugehen. Sie waren es gewohnt, weil sie im Herbst stets entlassen wurden und jeden Winter um ihre Existenz kämpfen mussten", erläuterte der Historiker. An der Stalin-Allee, dem Prestige-Projekt der DDR-Oberen, begann der "völlig ungeplante Aufstand", sagt Baring.
Ebenso spontan war die Ausrufung eines Generalstreiks durch Arbeiter in Ostberlin. Überall in den großen Betrieben des Landes verbreitete sich diese Kunde. Hunderttausende – vor allem Arbeiter, Jugendliche und Frauen – protestierten am 17. Juni 1953 auf den Straßen. "Sie forderten freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit und Wiedervereinigung." Sowjetische Panzer und die mangelnde Koordination der Bewegung beendeten die Revolution jedoch rasch.
"Ich glaube, der 17. Juni ist dennoch das erhebendste Ereignis unserer Geschichte", sagt der 77-jährige Professor. "Der Tag hat die Ereignisse von 1989 vorweggenommen." Er sei ein idealer Gedenktag, auch weil die Deutschen so "ein positives Verhältnis zu sich selbst bekommen können. Und ein menschenfreundliches Selbstbild ist nicht nur für das Individuum, sondern auch für Völker wichtig."
Baring bekam Beifall von den Zuhörern, als er betonte, dass die "missratenen zwölf Jahre Nazizeit" zwar ewig ein Schandfleck bleiben würden, aber nie die Grundlage unserer Identität sein sollten.