Bielefeld. Ein gutes Verhältnis zu Professoren und Prüfern ist an der anonymen Universität hilfreich. Das Verhältnis zwischen der 27-jährigen Geisteswissenschaftlerin Paulina K. (Name geändert) und ihrem Doktorvater ging offensichtlich über ein freundschaftliches Maß hinaus: Der 54-Jährige soll sie dreimal vergewaltigt und mehrfach zu weiteren sexuellen Handlungen genötigt haben. Gestern stellte die 27-Jährige bei der Polizei Strafanzeige. Der Professor hat juristische Mittel gegen seine Studentin ergriffen.
Bereits im vergangenen Herbst hatte die junge Doktorandin in ihrem Institut um Hilfe gebeten. Ihr Vorwurf: Sexueller Missbrauch durch einen Vorgesetzten. Sie habe dem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Professor nicht entrinnen können, nur Freundschaft gesucht und sich sogar um die Kinder ihres Professors gekümmert. Dieser verlangte aber immer nur Sex. Personaldezernentin, Mobbing- und Gleichstellungsbeauftragte waren informiert, erste Gespräche endeten aber ohne Ergebnis. Ende März erhielt die Personalakte des Professors einen Vermerk.
Erst als die verzweifelte Frau am 20. April direkt bei der Universitätsleitung vorsprach, sah man offensichtlich doch Handlungsbedarf. Das bestätigte gestern Uni-Sprecher Ingo Lohuis. Am 30. April sei der C4-Professor gedrängt worden, von seinem Ämtern in der Selbstverwaltung zurückzutreten, Anfang Mai habe die Unileitung dem Vorgesetzten der 27-Jährigen zudem die Betreuung ihrer Arbeit entzogen. "Ihre Dissertation hat inzwischen eine Kollegin übernommen", so Lohuis.
Der 54-jährige Professor hatte sich von Anfang an gegen die Vorwürfe seiner Studentin gewehrt. Nach Angaben von Institutsangehörigen drohte er jedem mit Entlassungen und Rentenkürzungen, sollte "das Getratsche über ihn" nicht unterbleiben. Professoren-Kollegen, die gegen sein offenbar bekanntes Verhalten vorgegangen seien, waren plötzlich mit der Streichung von Forschungsgeldern konfrontiert, über die der 54-Jährige entscheiden konnte. Mehreren Personen soll er angesichts der Vorwürfe erwidert haben: "Ich bin C4-Professor - ich kann schwängern, wen ich will. Und ich kann Alimente zahlen, wie viel ich will." Geheim blieb der Skandal trotzdem nicht.
Letztlich sah der Bielefelder Hochschullehrer keine andere Möglichkeit mehr, als zu juristischen Mitteln zu greifen: Am 24. Juni zeigte er seine Doktorandin bei der Polizei wegen Vortäuschung einer Straftat und Verleumdung an. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärte er: "Die Vorwürfe sind völlig haltlos. Ich kenne aber die Motive dafür und die habe ich der Polizei ausführlich geschildert." Er sei sich sicher, dass sich alles aufklären werde. "Aber bis dahin soll mir und meiner Familie schwer geschadet werden."
Nachdem eine uni-interne Aufklärung des Falls nun nicht mehr möglich erschien, kündigte Uni-Rektor Dieter Timmermann am vergangenen Freitag an, das Disziplinarverfahren auszusetzen und die Sache komplett an die Staatsanwaltschaft abzugeben. Dennoch folgte gestern noch die Suspendierung des Professors. Obwohl der Fall im Haus also mindestens seit zehn Wochen bekannt war, konnte sich das Rektorat erst gestern dazu durchringen, den beschuldigten Professor bis zur Klärung des Falles vom Lehrbetrieb auszuschließen.
Gleichzeitig hatte Paulina K. während ihrer Vernehmung im Polizeipräsidium Anzeige erstattet - wegen sexueller Nötigung. Weder die 27-Jährige noch ihre Anwälte waren zu einer öffentlichen Stellungnahme bereit. Laut Polizeisprecher Friedhelm Burchard steht Aussage gegen Aussage. Zwischen diesen gebe es deutliche Widersprüche, so dass das Verfahren bereits jetzt an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurde. Die Ermittlungen dauern an.


















