Bielefeld. Sie sind mitten drin in einer Lawine. Werden mitgerissen, ab und zu nach oben geworfen, schnappen nach Luft. Und verschwinden wieder im rasenden Chaos: kaum Zeit zum Nachdenken, Reagieren, Innehalten. Eine fremde Kraft hat von Anja und Thomas Besitz ergriffen, eine schier übermächtige: Ihr Sohn Jan hat Leukämie. Blutkrebs. "Ich wache morgens mit dem Gedanken daran auf, wenn ich ins Bett gehe, gilt Jan mein letzter Gedanke, und dann kommen die Träume – es ist ein Albtraum", sagt Anja. Gestern ließen sich fast 2.000 Menschen in der Uni typisieren, sie wollen Jan helfen.
Dass Anja und Thomas nicht bei Jan (18) sind, dass sie gemeinsam woanders sind als am Krankenbett, ist eine Ausnahme in diesen Wochen, ist in der Uni der unausgesprochene Dank an all die Menschen, die einfach kommen, sich registrieren lassen und einige Milliliter Blut von sich geben. Aber auch wissen, dass, sollten sie der genetische Zwilling von Jan sein, eine Knochenmark- oder Blutstammzellspende notwendig wird.
Vier von vielen Helfern | FOTO: SARAH JONEK
Axel Chodura (47) ist einer, der sich typisieren lässt. "Jans Vater arbeitet mit mir bei Boge in derselben Schicht, ist doch klar, dass ich helfe." Wie so viel hier in der Uni, wo sich die Schlange über hunderte Meter durch die Halle schlängelt, wollte er "das schon immer mal machen" – "und nun ist es plötzlich so nah an mir dran, dass ich es jetzt tue". Ähnlich ist es bei Evelyn Jorbahn (49). "Jan ist ein Klassenkamerad der Schwester meines Patenkindes, da habe ich gesagt: ,Jetzt mach’ ich es.’" Auch Comedian Ingo Oschmann hilft. "Jan wohnt in der Nähe, wo ich früher gewohnt habe." Zu helfen, sei für ihn sofort klar gewesen. "Es ist doch so einfach: Du kriegst die Chance, ein Menschenleben zu retten – quasi für nichts."
Die Konditoreninnung hat einen Riesenkuchen gebacken, Nicole Schüler (38, Hochzeitsplanerin) die Typisierungsaktion organisiert.
Arzthelfer und Krankenschwestern helfen, sie zapfen fast sieben Stunden lang den Menschen Blut ab. "Wir hätten bis nach 20 Uhr arbeiten können", sagt Simon Stifter von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), "so viele Leute waren hier."
Aber irgendwann sei es für alle auch zu viel: "Vor allem für die medizinischen Helfer, die haben teilweise nicht fünf Minuten Pause gemacht." Überwältigt sei er von der Bielefelder Aktion – "es kamen fast doppelt so viele Leute wie erwartet". Dass sie künftig in der Datei der DKMS sind, hilft vielleicht Jan, vielleicht aber auch anderen Leukämieerkrankten. Gut 3,5 Millionen Menschen sind in Deutschland als Spender erfasst, die meisten bei der DKMS. Weltweit sind es gut 13 Millionen.
Für Jan, der im August operiert werden soll, wurde trotzdem noch kein Spender gefunden. Dass er deutsch-griechische Wurzeln hat, verkompliziert die Suche. Jan registriert das zurzeit aber kaum. Was alles geschieht, passiert zwar mit seinem Einverständnis, doch gleitet es an ihm vorbei: "Er ist völlig desinteressiert", sagt Mutter Anja. Über Jan, 18 Jahre alt, das Leben vor sich, von Zielen und Träumen angetrieben, ist der Krebs mit einer Wucht hereingebrochen, die deprimiert. Die Chemotherapie schwächt ihn, er ist depressiv, er leidet "auch psychisch sehr stark", sagt Anja. Thomas: "Jan geht das alles unglaublich auf die Nerven."
Nur schwer fällt es Anja, diesen Satz zu sagen, der alles ausdrückt, was auch den Eltern und der 14-jährigen Schwester in jeder Minute so sehr zusetzt: "Jan hat Angst, es nicht zu schaffen."
Da jede Blut-Untersuchung 50 Euro kostet, hilft auch Geld: Unter
www.dkms.de (Spender, Veranstaltungen, 11. Juli) steht das Konto; Stand bisher: 20.000 Euro.