Bielefeld. Romantik und Politik – passt das zusammen? Beim ersten Bielefelder Politiker-Speed-Dating trafen junge Wähler und Kandidaten bei Kerzenlicht zusammen. NW-Mitarbeiterin Karin Boczek hat mitgemacht und festgestellt, dass drei Minuten sehr lang sein können.
Eigentlich fand ich mich ja bisher viel zu jung zum Speed-Dating. Trotzdem bin ich angemeldet und versuche mich gewissenhaft vorzubereiten. Das ist nicht einfach, denn das Politiker-Speed-Dating ist erst das zweite deutschlandweit. Drei Studenten von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) hatten die Idee. Woher soll ich wissen, was dafür wichtig ist? Keine Ahnung. Ich höre ganz auf mein Bauchgefühl.
Vor dem Kleiderschrank gibt es Probleme. Ich will weder als Journalistin noch als Parteianhängerin zu erkennen sein. Mir war vorher klar, dass ich nichts Passendes habe, obwohl meine Platinkundenkarten etwas anderes suggerieren. Irgendwie hab ich mich aber doch entschieden.
Im Forum der FHM wird deutlich: Auch andere haben sich so ihre Gedanken gemacht. Aber bei den Politikern ging die Intention in die andere Richtung. Kleine Parteianstecker, Hemd mit farblich passender Krawatte oder betont lässige Kleidung helfen bei der Einordnung. Parteimitgliedschaft als Lifestyle? Oder sind sie einfach so? Das will ich herausfinden.
Die Tische hat das Organisationsteam der FHM dekoriert: Helle Tischdecke, echte Rosenblätter, rote Kerzen – sehr romantisch. Aber die Regeln bleiben streng: 14 Politiker, 14 Wähler, drei Minuten pro Gespräch. Nach dem Gong haben wir eine Minute, um einen Bewertungsbogen auszufüllen.
An Tisch 4 habe ich mein erstes Date: CDU-Oberbürgermeisterkandidat Bernd Landgraf. Ein bisschen nervös bin ich schon, aber eigentlich hat ja nur er etwas zu verlieren: Eine Stimme. Er ist nicht das erste Mal im direkten Gespräch mit einem Wähler, das merke ich sofort. Politisch überzeugend. Für ein zweites echtes Date hätte es aber nicht gereicht. Dazu hat er sein Handy zu deutlich mitten auf dem Tisch platziert. Ob das für den Stadtrat hilfreich ist?
Platzwechsel: Die beiden aussichtsreichsten OB-Kandidaten – Landgraf und Clausen – nehmen es mit Humor und diskutieren darüber, wer weiter links sitzt. Im Gespräch leistet sich auch SPD-Kandidat Pit Clausen keinen Patzer. Meine Frage, ob er glaubt, dass er in einer Amtszeit aus dem Kesselbrink einen Park machen kann, beantwortet er mit einem selbstbewussten "Ja". Ich bin unsicher, ob das antrainiert ist oder wirklich echt.
Die drei Minuten Gesprächszeit fühlen sich ganz unterschiedlich an. Bei einigen Date-Partnern wäre ich gern noch ein bisschen länger sitzengeblieben. Die Grüne Marianne Weiß erkundigte sich sofort, wer ich denn sei. Ich muss aufpassen, dass meine Tarnung nicht auffliegt. Viele fragen vor dem Gespräch, ob wir uns duzen oder siezen sollen, was ihnen bei mir viele Pluspunkte einbringt. Ein junger Unionspolitiker überzeugt mich mit seinem scheinbar grenzenlosen Engagement, ein junger Sozialdemokrat mit seiner unaufgeregten ehrlichen Art. Um zu entscheiden, ob ich die Schwerpunkte der Politik für richtig halte, reicht die Zeit meistens.
Bei einigen Kandidaten habe ich schon nach zwei Minuten genug. Sie gucken durch mich hindurch und tragen einen auswendig gelernten Monolog vor. Da hilft auch das innovative Format des Speed-Datings nicht.
Mein Resümee: Mit zwei von meinen Gesprächspartnern würde ich gerne mal ein Bier trinken gehen; die Hälfte der Kandidaten fand ich für den Stadtrat geeignet; die ganz große politische Liebe war nicht dabei. Aber ein Kreuz bei der Wahl hat sich jemand erarbeitet.