Bielefeld. Plötzlich kam alles wieder hoch. Einen gehörigen Schreck bekam Julia Exner (32) vor wenigen Tagen, als sie zu ihrer Dienststelle nach Bielefeld fuhr. Die Polizistin aus dem Kreis Paderborn entdeckte ein Groß-Plakat der Straffälligen-Hilfe "Kreis 74" an einer Häuserwand. "Ich konnte es erst nicht glauben", berichtet die Polizistin, "aber darauf war tatsächlich die Frau zu sehen, die einen Verwandten von mir und meinen Angehörigen umgebracht hat."
Das Plakat zeigt eine sitzende Frau mit dem Zusatz: (im Gefängnis) und eine stehende Frau mit dem Zusatz: (mitten im Leben). Das Motiv ist das Produkt eines studentischen Wettbewerbs, der von der Firma Stroer gefördert wird. Stroer vermietet Werbeflächen.
Studenten der Fachhochschule des Mittelstands hatten das Plakat entworfen für den Kreis 74. Es dient dazu, neue ehrenamtliche Helfer zu finden. Die Plakate hängen offiziell knapp zwei Wochen. Einige sind auch schon wieder überklebt worden, andere jedoch noch nicht.
Julia Exner hat sich nach dem ersten Schock an den Verein Kreis 74 gewandt und sich über das Motiv beschwert. "Deren Idee in allen Ehren", sagt sie, "aber da hört es doch wirklich auf". Warum, fragt sie sich, müsse man ausgerechnet mit einer Person für sein Anliegen Reklame machen, die eine so brutale Tat zu verantworten hat.
Die Frau, Marina P., die im Gefängnis sitzt, hat 2006 ihren Ehemann Herbert B. (47) - wahrscheinlich aus Habgier - im Schlaf erschlagen. Um die Tat zu vertuschen, zerstückelte sie die Leiche in der Badewanne.
Die Täterin kommt aus einem baltischen Staat. Sie hatte ihr Opfer weniger als zwei Jahre zuvor geheiratet - wahrscheinlich, um den Mann finanziell auszunehmen. Das vermuten die Hinterbliebenen. Doch Herbert B. entdeckte das falsche Spiel. Deswegen wurde er wohl getötet.
Florian Schumann, Rechtsanwalt und Mitglied des Vorstands vom Kreis 74, hat sich bei Exner bereits entschuldigt für die Motivauswahl. "Es tut mir leid, wenn durch die Plakataktion die Gefühle von Angehörigen des Opfers verletzt wurden. Dies war niemals beabsichtigt. Ich muss auch zugeben, dass der von Ihnen angesprochene Aspekt der Konfrontation der Hinterbliebenen mit dem Abbild einer Täterin im Vorfeld der Aktion wohl nicht hinreichend beachtet wurde", schreibt Schumann in einem Brief an die Bielefelder Polizistin.
Schumann und Exner hoffen nun beide, dass alle Plakate bald überklebt sind.