Konstanze Danieli geht seit 1968 auf die Alm und lässt ihren Gefühlen freien Lauf
Bielefeld. Konstanze Danieli ist keine gewöhnliche Rentnerin. Während andere ältere Damen am Wochenende gerne Klönen, Wandern oder sich im Theater treffen, steht die 84-Jährige in Trikot und Schal bei Wind und Wetter auf Block 4 der Schüco-Arena und jubelt den Fußballern des DSC Arminia zu. Oder sie schimpft mit ihnen. Je nachdem, ob sie sich anstrengen. Das wird auch heute gegen Alemannia Aachen nicht anders sein.
"Ich bin von Natur aus ein Mensch, der immer etwas erreichen will", sagt Danieli. "Das ist ja beim Fußball nicht anders." Seit 1968 zieht es sie auf die Alm. Seit 1997 ist sie Vereinsmitglied des DSC, seitdem hat sie auch eine Dauerkarte für Block 4. An jedem Heimspieltag steigt sie am Hartlager Weg in die Linie 3 Richtung Babenhausen Süd. Dann steigt sie in die Linie4 um, fährt zum Stadion und ist stets einer der ersten Fans am Zaun, wenn die Alm ihre Pforten öffnet. Lange vor Spielbeginn steht sie an ihrem Stammplatz und hält für andere, die sie im Block kennengelernt hat, Plätze frei. "Die neuen Anfangszeiten in der Zweiten Liga sind unmöglich, viele der Berufstätigen haben Schichtdienst und können erst später kommen", beschwert sie sich. In ihrer kleinen Gruppe jubelt und schreit sie – sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf. "Wenn die Spieler ständig daneben schießen, schimpfe ich auch schon mal", sagt die kleine, ältere Dame.
Wenn man so fußballbegeistert sei wie sie, sagt die Arminia-Fan-Seniorin, leide teilweise das Umfeld darunter: "Samstag und Sonntag bin ich nicht zu sprechen." Wenn entfernte Verwandte ausgerechnet zur Sportschau anrufen, vertröstet Danieli sie. Die 84-Jährige geht nicht nur zu den Profis, auch die Spiele der Amateure und des VfB Fichte auf der Rußheide guckt sie sich an. "Das sind für mich die kleinen Freuden des Alltags." Tanzen gehen könne sie nicht mehr. Und essen könne sie auch nicht mehr alles. Einzig "für den Sportplatz reicht es noch". Wenn sie an der frischen Luft ist und Spaß hat, dann ist Konstanze Danieli zufrieden.
Auch, wenn die Art, Fußball zu spielen, ihr früher besser gefallen hat. "Damals wurde nicht zurück auf den Torwart gepasst, da haben sich die Spieler umgedreht und sind nach vorne gelaufen." Ernst "Johnny" Kuster, einer der erfolgreichsten Torjäger der Vereinsgeschichte, gefiel ihr Ende der 1960er Jahre am besten. Den aktuellen Trainer Thomas Gerstner findet sie sympathisch: "Ich habe gehört, dass er sehr intensiv mit den Spielern umgeht und auf sie eingeht", sagt Danieli. Und 42 Jahre seien für einen Trainer ein gutes Alter. Einen aktuellen Lieblingsspieler hat Danieli nicht. "Doch, warten Sie", sagt sie nach einer Pause, "momentan habe ich mich auf den Federico eingeguckt."
Ein Erlebnis, an das die Fußball-Seniorin gerne zurückdenkt, ist das Spiel gegen Real Madrid auf der Alm 1975. Bielefeld verlor 2:4 gegen die Madrilenen, zu deren Kader damals Günter Netzer und Paul Breitner gehörten. "Netzer und Breitner spielen zu sehen, war ein Genuss", schwärmt Danieli. Unverständlich ist für sie, dass das Stadion selten ausverkauft ist. "Das ist ein Trauerspiel, Bielefeld ist doch so eine große Stadt."
Konstanze Danieli feiert am 10. November ihren 85. Geburtstag. Größtes Geburtstagsgeschenk wäre sicher, wenn der DSC drei Tage vorher bei Kellerkind FSV Frankfurt gewinnt und Tabellenführer ist. Ihren Stehplatz will sie behalten, so lange es geht. "Ich muss mich beim Spiel doch bewegen und rumfuchteln."
Sollte ihr Körper ihr mal einen Strich durch die Rechnung machen, wird sie auf die Haupttribüne auf einen Sitzplatz umziehen. Aus der Arena wird sie jedoch niemand bekommen. Ihre Leidenschaft für den DSC und für den Fußball ist dafür viel zu groß. Daran kann und wird auch das heutige Spiel gegen Aachen nichts ändern . . .