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23.10.2009
BIELEFELD
20-jähriger Rollstuhlfahrerin Teilnahme am Unterricht verweigert
Berufskolleg nicht barrierefrei
VON BABETT JAHN

Zerstörter Traum | FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Anne Patzwald ist 20 Jahre alt und besuchte das Maria-Stemme-Berufskolleg (ehemals Carl-Severing-Berufskolleg für Bekleidung, Biotechnik, Hauswirtschaft und Soziales) – zumindest bis zum Ende des letzten Schuljahres. Vor einem halben Jahr hatte die Schülerin einen schweren Judo-Unfall. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Für ihr Fachabitur fehlten nur noch zwei Monate Unterricht – und die Prüfungen. Weil das Gebäude nicht barrierefrei sei, dürfe sie nicht mehr am Unterricht teilnehmen, teilte ihr im August Studiendirektor Dankmar Flachsbarth mit.

Deshalb lernt sie jetzt zuhause und soll die Prüfung im Dezember schreiben. "Allein zu lernen, funktioniert nicht gut – mir fehlt einfach die Motivation. Ich kann zwar meine Lehrer fragen, wenn Probleme auftauchen, aber die ultimative Lösung ist das nicht", sagt die 20-Jährige.

Seit sie vier Jahre alt ist, macht Anne Judo. Verletzungen war sie gewohnt. Doch bei einem Wettkampf im März diesen Jahres zog sich die sportbegeisterte Schülerin eine komplizierte Rückenverletzung zu. Seitdem ist ihr rechtes Bein gelähmt. "Zuerst hatte ich eine komplette Querschnittslähmung ab der Hüfte, aber nach einiger Zeit kehrte das Gefühl in mein linkes Bein zurück", erinnert sich Anne.

Plötzlich alles ganz anders

Als sie nach den Sommerferien wieder in die Schule kam, schien zunächst alles klar. "Herr Flachsbarth hat sich mit meinem Vater und mir zusammengesetzt. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass ich erst einmal mit vier Stunden Unterricht am Tag anfange, weil ich noch nicht so lange sitzen kann", sagt Anne.

Am zweiten Schultag sah dann plötzlich alles anders aus: "Man sagte mir, ich dürfe aus Sicherheitsgründen nicht mehr am Unterricht teilnehmen, falls es mal brennt oder Ähnliches. Das habe der Träger der Schule so bestimmt." Weder Schulleiterin Marion Friese-Ruff, noch ihr Stellvertreter Ulrich Wilking waren für eine Stellungnahme erreichbar. Friese-Ruff ist im Auslandsurlaub. Wilking befindet sich zwar in Bielefeld, lehnt aber den Kontakt zur NW ab, will bewusst nicht Stellung beziehen.

Träger des Maria-Stemme-Berufskollegs ist die Stadt. Schulamtsleiter Georg Müller erfuhr erst durch Nachfrage der NW von Annes Fall: "Es gibt keinen Grund, warum ein Rollstuhlfahrer vom Unterricht ausgeschlossen werden sollte." Nach einem Gespräch mit Wilking sagte Müller, die Schule habe sich jedoch offensichtlich um eine einvernehmliche Lösung bemüht. Müller und die Leitung des städtischen Immobilienservicebetriebes können die Entscheidung nicht nachvollziehen.

"Eigentlich sollten nach dem Gleichstellungsgesetz alle öffentlichen Gebäude barrierefrei sein – dazu gehören sowohl Regelschulen als auch Berufskollegs", sagt auch Günther Ohlendorf. Er ist Koordinator für Behindertenhilfe bei der Stadt. "Altbauten haben jedoch häufig Bestandsschutz." Ohlendorf weiter: "Nur, wenn diese saniert werden, sind die Träger angehalten, barrierefrei umzubauen." Eine unumgängliche Verpflichtung gebe es aber laut Gesetz nicht. Für Menschen mit Behinderung bestehe deshalb zurzeit oft nur die Möglichkeit, eine Förderschule zu besuchen. Ohlendorf ist sich sicher, dass das Berufskolleg in Annes Fall eine bessere Lösung hätte finden können.

Ein Mitschüler, durch den die Lokalredaktion von diesem Fall erfuhr, findet das Verhalten der Schule empörend: "Menschen mit Behinderung verdienen die gleichen Chancen wie alle anderen." Auch Schulamtsleiter Müller kann das widersprüchliche Verhalten der Schulleitung nur bedingt verstehen: "Falls die 20-Jährige das Berufskolleg wirklich nicht besuchen kann, gibt es immer noch die Möglichkeit des Hausunterrichts."

Mehr zum Thema in nw-news.de
Kommentare
Ich bin erst heute auf diesen Artikel hier gestoßen und absolut entsetz,t über das Verhalten der Schule allgemein. Ich habe vor eineinhalb Jahren die Schule selber besucht und mit dem Fachabitur abgeschlossen. Anne war damals in meiner Klasse, ich kann mich erinnern, dass sie ein intelligentes Mädchen war (ist), welches mit ihren Beiträgen, wertvoller Bestandteil des Unterrichtgeschehens gewesen ist. Dass man ihr nun verweigert, am Unterricht teilzunehmen, finde ich schlichtweg diskriminierend.

Ich bin sowas von wütend über den Schwachsinn,den hier einige Leser von sich geben wie Klaus , Kurt und Hans. InformierenSie sich doch erstmal umfassend über den Vorfall, bevor Sie sich dazu berechtigt fühlen Ihre Meinung zu sagen. Dann hätten Sie gewußt, dass für Annevon Seiten der Schulleitung alles getan wurde und wird um ihr den Schulabschluss zu ermöglichen

Ich finde es super schlimm dass Menschen sich hier einfach das Wort nehmen und solche Gemeinheiten über die Lehrer und der Schulleitung äußern obwohl sie nichts wirklich sachlich schildern können. Ich gehe an diese schule und kann nur sagen das wir mit abstand die netteste Schulleitung und Lehrer haben und die haben überhaupt nichts gegen Behinderte im Gegenteil sie bemühen sich jetzt noch darum der Anne zu helfen ganz gleich das dieser Artikel einen Rufmord ohne ende begangen hat. Diese mit uns als Schule sehr mit. Ich persönlich würde niemanden unterstellen Böses zu tun. Glaubt nicht alles was in der Presse steht denn wie jeder weißt übertreibt sie auch mal super gern!

Wie schlecht unsere Schule hier dargestellt wird. Weder die Schulleitung, noch die Lehrer können etwas dafür, dass der Schülerin die Teilnahme am Unterricht verweigert wurde. Die Feuerwehr erlaubt dies nicht, da Sie mit dem Rollstuhl, wenn ein Brand ausbricht, nicht die Treppen runter kommt und wie jeder weiß, ist es VERBOTEN bei Brand den Fahrstuhl zu benutzen. Jetzt ist es für die Schülerin und Ihre Familie tragisch, dass sie das Fachabitur so nicht zu Ende führen kann, was aber wenn die Eltern ihre Tochter wegen eines Brandes nie wieder sehen. Dann werden Sie bereuen, für was sie heute kämpfen. Zudem könnte man sich ja mal an anderen Bielefelder Berufskollegs informieren, ob diese Behindertengerecht sind. Wie sieht es denn mit dem Bethel Kolleg aus.

Also ich bin selber zur Zeit auf dem Maria Stemme Berufskolleg und habe heute davon erfahren. Natürlich ist es traurig , und jeden aus der Schule nimmt die Geschichte mit, jedoch haben die Lehrer oder die Schulleiterin nichts damit zu tun. Jemand der die Schule mal betreten hat wird wissen, dass es nicht nur in Notfällen zu Schwierigkeiten kommen kann , sonder der ganze Alltag in der Schule zu Herausforderung wird. Es sind fast überall nur Treppen und es gibt nur einen Fahrstuhl. Sogar die Eingänge haben Stufen, nur ein Hintereingang wäre mit Rollstuhl erreichbar . Vor allem muss man dazu sagen ,dass nicht alles im Artikel ausgesprochen wurde . Die Schule hat sich viel mehr um Lösungen bemüht als dies dar gestellt wurde. Es ist eine Unverschämtheit die Lehrer oder die Schulleiterin zu beschuldigen, jemanden die Hilfe verweigert zu haben. Denn so ist es nicht gewesen. und wer der Meinung ist, dass die Lehrer ausgepeitscht werden müssen , müsste sich mehr darüber erkundigen bevor der jenige so was schreckliches schreibt !!!!!



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