Bielefeld. Anne Patzwald ist 20 Jahre alt und besuchte das Maria-Stemme-Berufskolleg (ehemals Carl-Severing-Berufskolleg für Bekleidung, Biotechnik, Hauswirtschaft und Soziales) – zumindest bis zum Ende des letzten Schuljahres. Vor einem halben Jahr hatte die Schülerin einen schweren Judo-Unfall. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Für ihr Fachabitur fehlten nur noch zwei Monate Unterricht – und die Prüfungen. Weil das Gebäude nicht barrierefrei sei, dürfe sie nicht mehr am Unterricht teilnehmen, teilte ihr im August Studiendirektor Dankmar Flachsbarth mit.
Deshalb lernt sie jetzt zuhause und soll die Prüfung im Dezember schreiben. "Allein zu lernen, funktioniert nicht gut – mir fehlt einfach die Motivation. Ich kann zwar meine Lehrer fragen, wenn Probleme auftauchen, aber die ultimative Lösung ist das nicht", sagt die 20-Jährige.
Seit sie vier Jahre alt ist, macht Anne Judo. Verletzungen war sie gewohnt. Doch bei einem Wettkampf im März diesen Jahres zog sich die sportbegeisterte Schülerin eine komplizierte Rückenverletzung zu. Seitdem ist ihr rechtes Bein gelähmt. "Zuerst hatte ich eine komplette Querschnittslähmung ab der Hüfte, aber nach einiger Zeit kehrte das Gefühl in mein linkes Bein zurück", erinnert sich Anne.
Plötzlich alles ganz anders
Als sie nach den Sommerferien wieder in die Schule kam, schien zunächst alles klar. "Herr Flachsbarth hat sich mit meinem Vater und mir zusammengesetzt. Gemeinsam haben wir beschlossen, dass ich erst einmal mit vier Stunden Unterricht am Tag anfange, weil ich noch nicht so lange sitzen kann", sagt Anne.
Am zweiten Schultag sah dann plötzlich alles anders aus: "Man sagte mir, ich dürfe aus Sicherheitsgründen nicht mehr am Unterricht teilnehmen, falls es mal brennt oder Ähnliches. Das habe der Träger der Schule so bestimmt." Weder Schulleiterin Marion Friese-Ruff, noch ihr Stellvertreter Ulrich Wilking waren für eine Stellungnahme erreichbar. Friese-Ruff ist im Auslandsurlaub. Wilking befindet sich zwar in Bielefeld, lehnt aber den Kontakt zur NW ab, will bewusst nicht Stellung beziehen.
Träger des Maria-Stemme-Berufskollegs ist die Stadt. Schulamtsleiter Georg Müller erfuhr erst durch Nachfrage der NW von Annes Fall: "Es gibt keinen Grund, warum ein Rollstuhlfahrer vom Unterricht ausgeschlossen werden sollte." Nach einem Gespräch mit Wilking sagte Müller, die Schule habe sich jedoch offensichtlich um eine einvernehmliche Lösung bemüht. Müller und die Leitung des städtischen Immobilienservicebetriebes können die Entscheidung nicht nachvollziehen.
"Eigentlich sollten nach dem Gleichstellungsgesetz alle öffentlichen Gebäude barrierefrei sein – dazu gehören sowohl Regelschulen als auch Berufskollegs", sagt auch Günther Ohlendorf. Er ist Koordinator für Behindertenhilfe bei der Stadt. "Altbauten haben jedoch häufig Bestandsschutz." Ohlendorf weiter: "Nur, wenn diese saniert werden, sind die Träger angehalten, barrierefrei umzubauen." Eine unumgängliche Verpflichtung gebe es aber laut Gesetz nicht. Für Menschen mit Behinderung bestehe deshalb zurzeit oft nur die Möglichkeit, eine Förderschule zu besuchen. Ohlendorf ist sich sicher, dass das Berufskolleg in Annes Fall eine bessere Lösung hätte finden können.
Ein Mitschüler, durch den die Lokalredaktion von diesem Fall erfuhr, findet das Verhalten der Schule empörend: "Menschen mit Behinderung verdienen die gleichen Chancen wie alle anderen." Auch Schulamtsleiter Müller kann das widersprüchliche Verhalten der Schulleitung nur bedingt verstehen: "Falls die 20-Jährige das Berufskolleg wirklich nicht besuchen kann, gibt es immer noch die Möglichkeit des Hausunterrichts."