Bielefeld. Es gibt Hoffnung für Anne Patzwald. Das Maria-Stemme-Berufskolleg hatte die nach einem Sportunfall im Rollstuhl sitzende Schülerin, wie berichtet, aus sicherheitsrechtlichen Gründen vom Unterricht ausgeschlossen. Der Schulträger, die Stadt Bielefeld, ist verärgert über das Verhalten der Schulleitung. Oberbürgermeister Pit Clausen sagte, er werde dafür sorgen, dass das Gebäude schnellstmöglich rollstuhlgerecht ausgestattet werde.
"Der Schulträger ist für die Ausstattung des Gebäudes verantwortlich", erklärte Clausen. Der Zugang zur Schule sei durch eine Rampe gesichert, es gebe einen Aufzug, und für eine behindertengerechte Toilette werde die Stadt sorgen. "Anne muss nicht zuhause bleiben", betonte Clausen in Anspielung auf die gestrige NW-Schlagzeile.
Am Freitag äußerte sich auch Schulleiterin Marion Friese-Ruff zu dem Fall. "Wir hätten es nicht verantworten können, wenn Anne mit dem Rollstuhl die Schule besucht", sagte sie. Der Fahrstuhl sei zuletzt oft defekt gewesen, und es gebe keine behindertengerechte Toilette.
Als Anne Patzwald nach ihrem Unfall im August wieder zur Schule wollte, war das Fachabitur für ihre Mitschüler schon gelaufen. Laut Prüfungsordnung sei, so die Schulleiterin am Freitag, eine Wiederholung der 12. Klasse nicht möglich, wenn ein Schüler bereits zur Prüfung zugelassen sei – wie in Annes Fall. "Wir haben ihr deshalb angeboten, die Prüfung im Dezember nachzuholen", so Friese-Ruff. Die Vorbereitung darauf sollte zuhause erfolgen. Sie, die Schulleiterin, sei nach wie vor der Auffassung, dass die Schule damit die bestmögliche Lösung für Anne gefunden habe.
Für Anne und ihre Familie war der am Freitag von der Schulleiterin erhobene schulrechtliche Einwand gegen eine Wiederholung der 12. Klasse neu: "Ich wollte die Klasse eigentlich gar nicht wiederholen, aber es wurde mir von der Schulleitung vorgeschlagen, sogar nahegelegt", erinnert sich Anne. "Ich hatte sogar schon einen Stundenplan." Erst als an der Schule Bedenken aufkamen, ob sie wegen ihrer Behinderung am Unterricht teilnehmen könne, sei ihr eine Nachprüfung angeboten worden.
Zu einem Ortstermin trafen am Freitag Schulamtsleiter Georg Müller und Carsten Boberg, Leiter des städtischen Immobilienservicebetriebs, im Berufskolleg ein. Die Schulleiterin nahm an diesem Termin nicht teil. Danach gab es ein Treffen mit der jungen Rollstuhlfahrerin. "Wenn wir von dem Fall gewusst hätten, hätten wir auch eine Lösung gefunden", sagte Boberg im Gespräch mit Journalisten. "Schade, dass wir so viel Zeit verloren haben", fügte Müller hinzu. "Aber wir kriegen es hin, dass Sie hier reinkommen", so Boberg zu Anne.
Regine Weißenfeld, Vorsitzende des städtischen Jugendhilfeausschusses, äußerte sich am Freitag empört über das Vorgehen der Schule. Der Ausschluss einer Behinderten aus dem Unterricht widerspreche den Grundsätzen der UN-Konvention. "Alle sind aufgefordert, der jungen Frau eine möglichst schnelle Rückkehr in die Schule zu ermöglichen."
Auch die Schülerunion Bielefeld bezeichnete das Verhalten der Schulleiterin als "absolut inakzeptabel". "Wir hoffen, dass Anne bald wieder wie gewohnt den Unterricht besuchen kann", sagte Vorsitzender Alexander Rüsing.