700 Gäste bei hochrangig besetztem Media-Talk der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands
Bielefeld. Stefan Keuchel gehört zu den Herrschern über das Internet-Wissen. Dass das Netz jedoch niemandem das eigene Mitdenken abnimmt, hat der Pressesprecher von Google Deutschland Montagabend selbst erfahren. Auf der Zugfahrt von Hamburg nach Bielefeld fiel ihm erst in Göttingen auf, dass er in Hannover hätte umsteigen müssen. So kam Keuchel von Göttingen per Taxi, und mit Verspätung, zum Media-Talk der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstandes zum Thema "Wieviel ist Web-Wissen wert?".
Wie Keuchel priesen auch die Mit-Diskutanten Katharina Borchert, Online-Chefredakteurin der WAZ-Mediengruppe, Thomas Hallet, Leiter der WDR-Programmgruppe Wissenschaft, und Hartmut Ostrowski, Bertelsmann-Vorstandschef, vor etwa 700 Zuhörern die Vorzüge und Chancen des Internets als gigantischer Wissensplattform. Einig waren sich die Medienschaffenden auch in der Notwendigkeit der Vermittlung von Medienkompetenz. "Kinder und Jugendliche müssen lernen, welches die verlässlichen Informationen im Internet sind", so Borchert, die 2010 die Geschäftsführung der Nachrichtenseite "Spiegel Online" übernimmt, zu Moderator Matthias Wolk.
Doch woran nun Verlässlichkeit zu erkennen ist, wusste selbst die Expertenrunde nicht abschließend zu beantworten. Am Beispiel des Online-Mitmach-Nachschlagewerkes "Wikpedia" fragte der auch internet-skeptische WDR-Mann Hallet, ob es richtig und gewollt sei, dass sein Sohn ein Schul-Referat innerhalb von zehn Minuten mit Infos aus dem Netz "zusammenkloppen" könne: "Dadurch scheint sich Flüchtigkeit einzuschleichen." Hallet zweifelt daran, ob auf diesem Weg "Inhalte noch bewertet oder reflektiert" werden.
Borchert sieht Wikpedia unkritisch
Bertelsmann-Taktgeber Ostrowski, der sich als gebürtiger Bielefelder über sein Heimspiel freute, betonte hingegen – ganz Konzern-Manager – die fabelhaften Produktivitätssteigerungen durch das Internet im täglichen Wirtschaftsleben. Auch Google-Mann Keuchel sieht durch das Netz keine Ablösung bisheriger Bildungsstandards: "Wissen besteht doch nicht im Kopieren von Inhalten aus dem Internet. Jeder Nutzer muss auch weiterhin seine Informationsquellen für sich bewerten."
Ausdrücklich lobte WAZ-Chefklickerin Borchert das Online-Lexikon Wikipedia: "Die Seite ist gut für schnelles Nachschlagen." Dabei stört sich der bekennende Internet-Junkie nicht daran, dass in manchen Artikeln auch bewusst oder unbewusst Falschinformationen verbreitet werden: "Wer sagt denn, dass in gedruckten Werken immer alles stimmt?"
Nur zähneknirschend anfreunden können sich viele Macher von Online-Medien mit der Kostenlos-Kultur des Netzes. "Es wurde früh der Fehler begangen, im Internet alle Inhalte frei zugänglich zu machen", ärgert sich Ostrowski, der wie andere Mitspieler der Branche mittlerweile nach Möglichkeiten sucht, wie aus Netz-Inhalte mehr Einnahmen gemacht werden können. Bei der Vermarktung von TV-Inhalten im Netz sieht er aktuell mehr Erfolgs-Chancen durch Werbefinanzierung als mit Bezahlmodellen. Vermarktbar seien ohnehin nur solche Inhalte, die Anbieter von anderen unterschieden, so Ostrowski. Als Beispiel nannte er die lokalen und regionalen Informationen regionaler Tageszeitungen: "Die kriegen sie woanders nicht."
Ostrowski beim Skat
Am Ende der gut 80-minütigen Gesprächsrunde wussten Studierende und Gäste: Wer zielsicher entscheiden kann, wie er sich Web-Wissen mundgerecht portioniert, hat gute Chancen, von der Online-Welt zu profitieren. Katharina Borchert fasste die nicht gerade Bahn brechende Erkenntnis des Abends mit einem Satz zusammen: "Noch nie war soviel Horizont-Erweiterung so einfach verfügbar." Dass die digitale Welt aber noch kein Ersatz für das wirkliche Leben ist, hob Hartmut Ostrowski hervor: "Wenn ich freitagsabends Skat spiele, mache ich das immer noch lieber in einer Kneipe als vor dem Computer."