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30.11.2009
BIELEFELD
Holocaust-Überlebender in Bielefeld ausgeladen
Autonomes Jugendzentrum sagt Vortrag des Journalisten Karl Pfeifer ab
VON NICOLE HILLE-PRIEBE

Brüskiert | FOTO: NW

Bielefeld. "Es fühlte sich an, als hätte mir jemand in den Magen geboxt", sagt Karl Pfeifer. Der Journalist aus Wien war gerade in Münster gelandet und wollte weiter nach Bielefeld, als er erfuhr, dass seine Anwesenheit dort nicht von allen erwünscht ist. Man muss wissen: Karl Pfeifer ist 81 Jahre alt und hat den Holocaust überlebt.

In Bielefeld sollte der ausgewiesene Kenner der ungarischen Nazi-Szene auf Einladung örtlicher Uni- und Antifa-Gruppen einen Vortrag über extreme Rechte und Antisemitismus in Ungarn halten. Veranstaltungsort war das autonome AJZ (Arbeiter-Jugend-Zentrum), das Pfeifer jedoch nicht von innen kennenlernen sollte. "Mir wurde gesagt, dass es Schwierigkeiten gibt", sagt der Österreicher, "und zwar mit meiner Person."

Karl Pfeifer lebte bis zu seinem zehnten Lebensjahr bei Wien; nach dem "Anschluss" Österreichs ans Nazireich verließ seine Familie das Land und ging nach Budapest. Als auch dort die Bedrohung für Juden größer wurde, konnte der 14- Jährige mit gefälschten Papieren in einem der letzten Kindertransporte nach Palästina fliehen. Dort arbeitete Pfeifer zunächst in einem Kibbuz, mit 17 ging er zum Palmach, der Eliteeinheit der illegalen Hagana, aus der später die israelische Armee entstand.

"Er ist ja Zionist"

Beim Palmach war er von 1946 bis 1948, bis 1950 gehörte er den israelischen Streitkräften Zahal an. 1951 kehrte er nach Europa zurück. In Wien ist er seit 25 Jahren Journalist – so etwas wie in Bielefeld ist ihm noch nie passiert. "Die Gruppe im AJZ, die für meine Ausgrenzung verantwortlich ist, hat Beschuldigungen erhoben, gegen die ich mich noch nicht einmal wehren konnte. Meine Einheit beim Palmach habe ein Massaker an der palästinensischen Bevölkerung begangen, hieß es. Mir wurde sogar unterstellt, dass ich selbst daran beteiligt gewesen sei."

Statt Pfeifer persönlich zu befragen, wurde er von der Gruppe einfach kurzfristig ausgeladen. Beweise gab es zwar keine, aber eine Begründung: "Er ist ja Zionist", hieß es. Er müsse sich von dem Massaker distanzieren, und da dies aufgrund der engen Zeitspanne nicht möglich sei, könne die Veranstaltung eben nicht stattfinden. "Warum soll ich mich für etwas verteidigen, was ich nicht getan habe?", fragt Pfeifer. Besonders wütend macht es den 81-Jährigen, dass sich seine Kritiker zum Richter und Staatsanwalt zugleich machten – und dabei anonym bleiben.Die Antifa AG der Universität Bielefeld und das Antifa-Referat der örtlichen Fachhochschule als Veranstalter organisierten zwar kurzfristig einen anderen Raum, wo Pfeifer seinen Vortrag schließlich ungestört halten konnte, aber der Schock über seine Vorverurteilung sitzt immer noch tief. "Mein Thema ist ernst und von trauriger Aktualität. Es geht um die Ermordung von acht Roma in den Jahren 2008/09 in Ungarn aus rassistischen Motiven. Aber diesen Leuten war das anscheinend gleichgültig, die wollten einen politischen Sieg", sagt er. Als Überlebender des Holocaust wolle er nicht moralisieren. "Mein Thema ist nicht der Holocaust, mir geht es um das Jetzt. Jeder ist dafür verantwortlich, was heute in seiner Gesellschaft passiert."

Pfeifer ist seit 20 Jahren mit einer Deutschen verheiratet, einer Protestantin. "Ich bin deshalb weit davon entfernt, ein Fanatiker zu sein. Und ich weiß, dass diese Leute nur Randfiguren sind in Deutschland. Für die ist nur ein toter Jude ein guter Jude – einer, der sich abschlachten lässt. Aber dazu war ich nie bereit, nicht mit 17 in Israel und auch heute nicht."

Die nächste Hausversammlung im AJZ ist für den 1. Dezember geplant. Dort will man dem Vernehmen nach über das Thema und den weiteren Umgang damit diskutieren. Nicht nur Karl Pfeifer ist gespannt, was dabei herauskommt – für negative Schlagzeilen über Bielefeld hat der Fall in Israel aber schon jetzt gesorgt.

Der Fall Pfeifenberger

Es ist nicht die erste unangenehme Erfahrung, die Karl Pfeifer in Bielefeld macht. Mancher wird sich noch an seinen österreichischen Landsmann, den Politologen Werner Pfeifenberger erinnern. 1995 veröffentlichte Pfeifenberger den Beitrag "Internationalismus gegen Nationalismus – eine unendliche Todfeindschaft?" im Jahrbuch für politische Erneuerung der FPÖ. Karl Pfeifer bezeichnete Pfeifenbergers Beitrag daraufhin als "Nazidiktion", woraufhin Pfeifenberger versuchte, die Äußerung Pfeifers gerichtlich zu unterbinden.

In Urteilen vor österreichischen Gerichten wurden die Äußerungen Pfeifers jedoch als juristisch zulässig eingestuft. Begleitend zu den Prozessen war Pfeifenberger in der Öffentlichkeit als angeblicher Nazi schweren Angriffen ausgesetzt. So bezeichnete ihn die Bild als "Nazi-Professor".
Das Bundesland Nordrhein-Westfalen versuchte 1999, Pfeifenberger zu entlassen, scheiterte jedoch vor dem Arbeitsgericht. Pfeifenberger wurde an die Fachhochschule Bielefeld versetzt. Dort durfte er nur forschen, nicht aber lehren. Auch in Bielefeld kam es zu antifaschistischen Protesten gegen ihn. Mittlerweile war gegen ihn wegen der Äußerungen im Jahrbuch ein Strafverfahren wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" anhängig.

Bevor der Prozess am 26. Juni 2000 begann, stürzte Pfeifenberger in den Alpen in den Tod. Rechte Kreise gaben Karl Pfeifer die Schuld daran. Pfeifer zog vor Gericht. Letztlich bekam Pfeifer im November 2007 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht. Die Richter verurteilten Österreich zur Schadenersatzzahlung von 5.000 Euro.



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Kommentare
Hiermit entschuldige ich mich in aller Form für den Ausdruck "17-jährige" , treffender muss es heissen "ewig 17-jährig gebliebene" . Nix begriffen, nix dazugelernt, die AJZler stellen sich mal wieder sehr weit ins politische Abseits. Viel Gelaber mit wenig Inhalt, wer am lautesten schreit, hat recht. Aus gutem Grund habe ich mit dieser "Szene" seit 20 Jahren nichts mehr am Hut. Kleine verwöhnte Selbstdarsteller (...), haben wir bereits genug, da brauchts die AJZler nicht.

Die Erklärung des AJZ wie auch die vorherigen Diskussionen beweisen einmal mehr die Verbohrtheit der dort Herrschenden. Im übrigen ist der "Konsens", der zu dieser Erkärung geführt hat, einzig durch Ermüden der TeilnehmerInnen, Aussitzen und aggressiver Rhetorik der Stärkeren erzielt worden. Bleibender Eindruck: AJZ und anhängende Gruppen wie Antifa AG versuchen weiterhin, fehlende politische Relevanz durch innere Strukturen auszugleichen, die den ProtagonistInnen zumindest dort das Gefühl von Macht verschaffen. Das ist erbärmlich, aber keinesfalls neu. Gut ist der öffentliche Offenbarungseid, weil er auch den Naivsten die Augen öffnen muss. Und schlimm ist das ohnehin nicht. In Bielefeld und der Region organisieren sich viele Menschen fernab solcher Strukturen politisch. Beispielhaft sind die sozialen Kämpfe an den Unis, der aktive Antifaschismus und die aktive antirassistische Bewegung. AJZ und Anhang sind hier wie dort überflüssig wie ein Kropf. Und tschüß.

Eine Einrichtung, die erklärtermaßen auf der Grundlage von Gerüchten Ausschlüsse und Absagen erteilt, kann sich kaum darüber beschweren, als "Gerüchtshof" wahrgenommen zu werden. Wenn dabei speziell jüdische Kriegsveteranen unter den Generalverdacht gestellt werden, an Massakern beteiligt gewesen zu sein und auf dieser Grundlage bis zum Beweis des Gegenteils als nicht gesellschaftsfähig gelten, dann ist das in der genannten Weise auch korrekt bewertet und beschrieben worden. Die Erklärung des AJZ, es hätte detaillierte Kenntnisse über das Massaker von Deir Yassin erfordert um Karl Pfeifer NICHT damit in Verbindung zu bringen zeigt sehr deutlich, was für seltsame Maßstäbe dort nach wie vor angelegt werden.

Stellungnahme der Hausversammlung des AJZ Bielefeld vom 01.12.2009 zu der räumlichen Verlegung der Infoveranstaltung mit Karl Pfeifer am 19.11.2009 Am 01.12.2009 fand ein Treffen im AJZ statt, an dem ca. 100 Personen aus dem AJZ, seinem Umfeld und der Antifa AG teilgenommen haben. Anschließend hat die Hausversammlung diese Stellungnahme formuliert, um den aktuellen Stand der Diskussion festzuhalten. Wir stehen weiter im Diskussionsprozess innerhalb unserer Zusammenhänge und mit der Antifa AG. Wir finden es wichtig, sich selbst und auch unsere Strukturen immer wieder zu hinterfragen und antisemitische, rassistische, sexistische und andere ausgrenzende und unterdrückende Tendenzen, Denk- und Sichtweisen innerhalb der Gesellschaft, aber auch in unseren eigenen Zusammenhängen sichtbar zu machen. Wir begrüßen daher auch ausdrücklich, dass sich auch bürgerliche Medien mit dem Thema Antisemitismus in Deutschland beschäftigen. Uns ist bewusst, dass sowohl durch missverständliche und aus dem Kontext gerissenen Bemerkungen, als auch durch die missverständliche Wiedergabe von Äußerungen, sowie durch Fehlkommunikation innerhalb des AJZ und mit der Antifa AG Dritte angegriffen und verletzt wurden, dafür können wir nur aufrichtig um Entschuldigung bitten - was wir hiermit tun. Uns ist auch bewusst (geworden), dass das Vorgehen der Hausversammlung des AJZ offensichtlich für Personen, die nicht mit selbst verwalteten, autonomen Strukturen vertraut sind, irritierend war und auch insbesondere, dass es in der Zwischenzeit - trotz der massiven Vorwürfe in der Presse - keine Äußerung aus dem AJZ gab. Das liegt an unseren Strukturen, die trotz der Schwächen die sie haben (z.B. Schwerfälligkeit) richtig und gut sind. Wie im AJZ üblich, gilt auch auf der Hausversammlung das Konsensprinzip. Keine Einzelperson kann sich für das AJZ äußern, also auch keine Stellungnahmen an die Presse oder andere Personen abgeben. Und das ist auch gut so. Die Veranstaltung mit Herrn Pfeifer wurde nicht aufgrund des Inhaltes der Veranstaltung (Ungarn 2009: Antisemitismus, Antiziganismus und Neofaschismus) oder der Person Karl Pfeifer verlegt. Diese Entscheidung war weder antisemitisch noch antizionistisch motiviert, sondern war fehlerhafter Kommunikation innerhalb des AJZ und mit der Antifa AG geschuldet. Entgegen der bisherigen Darstellungen wurde weder behauptet, dass Herr Pfeifer an dem Angriff auf Deir Yassin beteiligt war noch wurde gefordert, dass er sich davon distanzieren soll. Es wurde lediglich die Frage aufgeworfen, ob Herr Pfeifer in einer Einheit war, die etwas mit einem Massaker zu tun hatte. Dies, sowie die Tatsache, dass es zu wenige Informationen über den Hintergrund des Referenten gab und nicht abgeschätzt werden konnte, ob dieser dem Minimalkonsens des AJZ entgegen stehen würde, führte zu Bedenken das AJZ für eine Veranstaltung mit Herrn Pfeifer zur Verfügung zu stellen. Um die Bedenken aufklären zu können wären eine genauere Vorbereitung der Veranstaltung, eine bessere Kommunikation über die Informationslage sowie eine Kenntnis der historischen Fakten über das Massaker von Deir Yassin und den paramilitärischen Einheiten in der Zeit vor 1948 in Israel nötig gewesen. Der Vorschlag, mit Herrn Pfeifer Kontakt aufzunehmen, um so die Bedenken ausräumen zu können, wurde von den anwesenden Vertreter_innen der Antifa AG auf Grund des engen Zeitrahmens als nicht praktikabel abgewiesen. Als weiterer möglicher Umgang mit der Situation wurde vorgeschlagen, die Veranstaltung zu verschieben, so dass es Gelegenheit gäbe, sich mit dem Zusammenhang genauer zu beschäftigen, um dann eine Entscheidung treffen zu können. Auch dieser Vorschlag wurde von den Vertreter_innen der Antifa AG abgewiesen, da Herr Pfeifer aus Wien anreisen müsse, und das nur - wie geplant - in Kooperation mit einer weiteren Veranstaltung möglich sei. Es wurde der ausdrückliche Wunsch nach Klärung geäußert, da die Veranstaltung von allen als äußerst wichtig und interessant angesehen wurde. Anders als es nun dargestellt wird, wurde eine Veranstaltung mit Herrn Pfeifer nicht per se abgelehnt. Da die Teilnehmer_innen der Hausversammlung keine andere Möglichkeit sahen, bis zum Veranstaltungstermin die Bedenken auszuräumen, wurde als weitere Option vorgeschlagen, die Veranstaltung an einem anderen Ort durchzuführen. Die Vertreter_innen der Antifa AG zeigten sich mit dem Vorschlag einverstanden und es wurde anschließend gemeinsam über die organisatorische Umsetzung der Verlegung der Veranstaltung diskutiert. Auch wenn bei einigen Personen nach dieser Diskussion eine erhebliche Unzufriedenheit übrig geblieben ist, so wurde weder über die Entscheidung gestritten noch erklärten die Vertreter_innen der Antifa AG, dass sie die Entscheidung nicht mittragen würden. Das Vorgehen der Hausversammlung ist innerhalb der selbstverwalteten Struktur des AJZ der übliche Umgang mit einer Situation, in der es der Hausversammlung auf Grund der Informationslage und des Kenntnisstandes nicht möglich ist, eine abschließende Entscheidung zu treffen. Wir bedauern sehr, dass die Kommunikation zwischen den AJZ´ler_innen und der Antifa AG derart schlecht und ungenau war. Wären die Bedenken der AJZ´ler_innen frühzeitig der Antifa AG mitgeteilt worden, hätte noch recherchiert bzw. mit Herrn Pfeifer kommuniziert werden können. Für diesen Fehler entschuldigen wir uns. Wir bedauern auch, dass die anwesenden Personen der Antifa AG nicht geäußert haben, dass sie die Entscheidung, die Veranstaltung nicht im AJZ, sondern in der FH durchzuführen, anscheinend nicht mittragen wollten. Dies war auf der Hausversammlung nicht ersichtlich. Weiterhin müssen wir uns als Hausversammlung für die Zukunft einen Umgang mit derartig unklaren Informationslage überlegen. Wenn externe Gruppen Veranstaltungen im AJZ machen wollen, sind wir auf Informationen von diesen Gruppen angewiesen. Die Hausversammlung ist der Ort, an dem auch "Gerüchte" ernst genommen und geklärt werden müssen. In diesem Zusammenhang finden wir auch das Verhalten der Antifa AG problematisch, da diese sich als Veranstalterin, obwohl ihnen in der Absagemail der AJZ´ler_innen eine Woche vor der Veranstaltung mitgeteilt wurde, dass es Unklarheiten bzgl. des Vortragenden gäbe, nicht im Vorfeld um eine Klärung der Unklarheiten bemüht haben. Das veröffentlichte Gedächtnisprotokoll über die Hausversammlung stellt einen Zusammenhang her, den es auf der Hausversammlung nicht gab; es gibt außerdem nur in Fragmenten und mehr als ungenau die Situation wieder. Warum dies und das darauf folgende Presseecho in dieser indiskutablen Art und Weise erfolgt ist, muss in den internen politischen Strukturen geklärt werden, aber nicht in der Art und Weise, wie dies in den letzten Tagen auf etlichen Internetseiten erfolgte, sondern in einer solidarischen und (selbst)kritischen Art, die auch die eigenen Fehler, Vorurteile und Ressentiments mit einschließen muss. Denn es ist selbstverständlich, dass niemand vor Antisemitismus oder Rassismus gefeit ist. Sehr bedauerlich finden wir jedenfalls, dass aus einem hausinternen Kommunikationsproblem und dem Befolgen unserer selbst vorgegebenen Entscheidungsstrukturen eine derartig politisch aufgeladene Debatte wurde, die den tatsächlichen Beiträgen der internen Diskussion nicht gerecht wird. Wir fordern alle Beteiligten auf, von weiterer unsachlicher, konstruierter und falscher Berichterstattung über den "antisemitischen Gerüchtshof im AJZ Bielefeld" abzusehen. Dies wird der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus aus unserer Sicht nicht gerecht. Die Hausversammlung des AJZ Bielefeld

Wenn das mal so wäre, dass da, wie Johannes schreibt, unerfahrene 17-jährige den Quatsch verzapft hätten. Nein, den Ausschlag für die Ausladung hat ein alteingesessener AJZler in den 40ern gegeben. Von Ausschlüssen aufgrund von Gerüchten kann ich auch ein Lied singen, und das klingt nicht schön. In Planung ist jetzt grad, demnächst alle Besucher mit einem Handzettel darauf hinzuweisen, dass "Anglotzen" und "Rumprollen" Verhaltensformen sind, die zu einem Rausschmiss führen (können). Alles im Namen der freien Entfaltung, versteht sich.



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