Bielefeld. "Es fühlte sich an, als hätte mir jemand in den Magen geboxt", sagt Karl Pfeifer. Der Journalist aus Wien war gerade in Münster gelandet und wollte weiter nach Bielefeld, als er erfuhr, dass seine Anwesenheit dort nicht von allen erwünscht ist. Man muss wissen: Karl Pfeifer ist 81 Jahre alt und hat den Holocaust überlebt.
In Bielefeld sollte der ausgewiesene Kenner der ungarischen Nazi-Szene auf Einladung örtlicher Uni- und Antifa-Gruppen einen Vortrag über extreme Rechte und Antisemitismus in Ungarn halten. Veranstaltungsort war das autonome AJZ (Arbeiter-Jugend-Zentrum), das Pfeifer jedoch nicht von innen kennenlernen sollte. "Mir wurde gesagt, dass es Schwierigkeiten gibt", sagt der Österreicher, "und zwar mit meiner Person."
Karl Pfeifer lebte bis zu seinem zehnten Lebensjahr bei Wien; nach dem "Anschluss" Österreichs ans Nazireich verließ seine Familie das Land und ging nach Budapest. Als auch dort die Bedrohung für Juden größer wurde, konnte der 14- Jährige mit gefälschten Papieren in einem der letzten Kindertransporte nach Palästina fliehen. Dort arbeitete Pfeifer zunächst in einem Kibbuz, mit 17 ging er zum Palmach, der Eliteeinheit der illegalen Hagana, aus der später die israelische Armee entstand.
"Er ist ja Zionist"
Beim Palmach war er von 1946 bis 1948, bis 1950 gehörte er den israelischen Streitkräften Zahal an. 1951 kehrte er nach Europa zurück. In Wien ist er seit 25 Jahren Journalist – so etwas wie in Bielefeld ist ihm noch nie passiert. "Die Gruppe im AJZ, die für meine Ausgrenzung verantwortlich ist, hat Beschuldigungen erhoben, gegen die ich mich noch nicht einmal wehren konnte. Meine Einheit beim Palmach habe ein Massaker an der palästinensischen Bevölkerung begangen, hieß es. Mir wurde sogar unterstellt, dass ich selbst daran beteiligt gewesen sei."
Statt Pfeifer persönlich zu befragen, wurde er von der Gruppe einfach kurzfristig ausgeladen. Beweise gab es zwar keine, aber eine Begründung: "Er ist ja Zionist", hieß es. Er müsse sich von dem Massaker distanzieren, und da dies aufgrund der engen Zeitspanne nicht möglich sei, könne die Veranstaltung eben nicht stattfinden. "Warum soll ich mich für etwas verteidigen, was ich nicht getan habe?", fragt Pfeifer. Besonders wütend macht es den 81-Jährigen, dass sich seine Kritiker zum Richter und Staatsanwalt zugleich machten – und dabei anonym bleiben.Die Antifa AG der Universität Bielefeld und das Antifa-Referat der örtlichen Fachhochschule als Veranstalter organisierten zwar kurzfristig einen anderen Raum, wo Pfeifer seinen Vortrag schließlich ungestört halten konnte, aber der Schock über seine Vorverurteilung sitzt immer noch tief. "Mein Thema ist ernst und von trauriger Aktualität. Es geht um die Ermordung von acht Roma in den Jahren 2008/09 in Ungarn aus rassistischen Motiven. Aber diesen Leuten war das anscheinend gleichgültig, die wollten einen politischen Sieg", sagt er. Als Überlebender des Holocaust wolle er nicht moralisieren. "Mein Thema ist nicht der Holocaust, mir geht es um das Jetzt. Jeder ist dafür verantwortlich, was heute in seiner Gesellschaft passiert."
Pfeifer ist seit 20 Jahren mit einer Deutschen verheiratet, einer Protestantin. "Ich bin deshalb weit davon entfernt, ein Fanatiker zu sein. Und ich weiß, dass diese Leute nur Randfiguren sind in Deutschland. Für die ist nur ein toter Jude ein guter Jude – einer, der sich abschlachten lässt. Aber dazu war ich nie bereit, nicht mit 17 in Israel und auch heute nicht."
Die nächste Hausversammlung im AJZ ist für den 1. Dezember geplant. Dort will man dem Vernehmen nach über das Thema und den weiteren Umgang damit diskutieren. Nicht nur Karl Pfeifer ist gespannt, was dabei herauskommt – für negative Schlagzeilen über Bielefeld hat der Fall in Israel aber schon jetzt gesorgt.
Der Fall Pfeifenberger
Es ist nicht die erste unangenehme Erfahrung, die Karl Pfeifer in Bielefeld macht. Mancher wird sich noch an seinen österreichischen Landsmann, den Politologen Werner Pfeifenberger erinnern. 1995 veröffentlichte Pfeifenberger den Beitrag "Internationalismus gegen Nationalismus – eine unendliche Todfeindschaft?" im Jahrbuch für politische Erneuerung der FPÖ. Karl Pfeifer bezeichnete Pfeifenbergers Beitrag daraufhin als "Nazidiktion", woraufhin Pfeifenberger versuchte, die Äußerung Pfeifers gerichtlich zu unterbinden.
In Urteilen vor österreichischen Gerichten wurden die Äußerungen Pfeifers jedoch als juristisch zulässig eingestuft. Begleitend zu den Prozessen war Pfeifenberger in der Öffentlichkeit als angeblicher Nazi schweren Angriffen ausgesetzt. So bezeichnete ihn die Bild als "Nazi-Professor".
Das Bundesland Nordrhein-Westfalen versuchte 1999, Pfeifenberger zu entlassen, scheiterte jedoch vor dem Arbeitsgericht. Pfeifenberger wurde an die Fachhochschule Bielefeld versetzt. Dort durfte er nur forschen, nicht aber lehren. Auch in Bielefeld kam es zu antifaschistischen Protesten gegen ihn. Mittlerweile war gegen ihn wegen der Äußerungen im Jahrbuch ein Strafverfahren wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" anhängig.
Bevor der Prozess am 26. Juni 2000 begann, stürzte Pfeifenberger in den Alpen in den Tod. Rechte Kreise gaben Karl Pfeifer die Schuld daran. Pfeifer zog vor Gericht. Letztlich bekam Pfeifer im November 2007 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht. Die Richter verurteilten Österreich zur Schadenersatzzahlung von 5.000 Euro.