Bielefeld. Rauchbomben und Kanonenschläge explodieren in der Bahnhofshalle, Stühle und Flaschen fliegen auf Polizisten. Die Fan-Randale im Hauptbahnhof (NW von gestern) hallte auch am Montag noch donnernd nach. Fanbetreuer und Polizei rätseln über die Gründe. Ein zunächst ruhiges Treffen befreundeter Fans aus Hannover, Hamburg und Bielefeld eskalierte so, dass die Polizei 107 Personen festnahm. Und das nur eine Woche nachdem 68 Arminia-Fans vor dem Spiel gegen 1860 München in Gewahrsam kamen.
"Wir sind alle schockiert über die Qualität dieser Gewalt", sagt Arminias Fanbeauftragter Christian Venghaus, der direkt nach den Ausschreitungen ins Polizeipräsidium gefahren war, um zwischen Polizei und Fans zu vermitteln – offensichtlich nur externen Fans. "Ich habe diese Aufgabe zunächst für die Kollegen aus Hamburg und Hannover übernommen." Beide machten sich aber im Laufe des Samstags selbst auf den Weg nach Bielefeld, um die Rückreise ihrer Leute in Bussen zu organisieren, so Venghaus. "Das zeigt, wie ungewöhnlich der Fall ist."
Gar nicht ungewöhnlich sei hingegen ein Treffen von Hamburger und Bielefelder Fans an Fußball-Wochenenden, sagte Ole Wolff vom Fan-Projekt. "HSV- und Arminia-Fans sind seit 25 Jahren befreundet. Die kommen immer wieder zusammen." Zu Bundesligazeiten hatten die Gruppen sogar regelmäßig Konzerte nach den Spielen organisiert. Thoren Düsenberg, Szenekundiger Beamter (SKB) der Polizei, bestätigt, dass diese Treffen in der Vergangenheit stets friedlich verlaufen seien.
Laut Polizeibericht hatten sich Freitag gegen 23.30 Uhr etwa 40 Fans der Ultra-Szene aus Bielefeld in der Szenekneipe "Linie 4" an der Stapenhorststraße getroffen. Wie der Polizei bekannt war, erwarteten sie gegen 1.30 Uhr die Ankunft von etwa 200 Personen der sogenannten "Nordallianz" (Fans aus Hamburg und Hannover), die wegen der langen Fahrt nach Mainz eine Zwischenstation in Bielefeld verabredet hatten. "Mit dem Wochenendticket kommt man nicht so leicht in einem Rutsch runter", erklärt Ole Wolff. "Viele Fans nutzen die Nacht dann für solche Treffen."
Gegen 1.40 Uhr empfingen die Bielefelder ihre Freunde am Bahnhof mit großer Show. Polizeisprecher Friedhelm Burchard: "Für ein gemeinsames Gruppenbild zündeten sie diverse Pyro- und Knallkörper." Anschließend gingen die 250 Fans laut aber friedlich zurück zur Stapenhorststraße – stets begleitet von Streifenwagen der Polizei. "Es sah bis dahin nicht so aus, als wären die wegen Krawallen gekommen", so Düsenberg.
Warum es drei Stunden – und einige Getränke – später aber bei McDonald’s im Bahnhof zu dem Gewaltausbruch kam, können Polizei und Fanbetreuer bisher nur vermuten. Für die 107 Festgenommenen musste die Polizei eigens die Kfz-Garage des Präsidiums zu einer Gefangenen-Sammelstelle umfunktionieren.
Venghaus betonte, dass selbst die Bielefelder Organisatoren des Treffens über den Ausgang des Abends den Kopf schütteln. "Die Gewalt-Entwicklung, die sich allein an diesem Wochenende an mehreren Schauplätzen wiederspiegelte, ist frappierend", sagt auch Düsenberg. Bevor er aber auch in Bielefeld von einer neuen Qualität sprechen könne, wolle er abwarten.
Ole Wolff und Christian Venghaus allerdings befürchten jetzt schon, dass sich nach der zweiten Massenverhaftung innerhalb kürzester Zeit, die Fronten zwischen Polizei und Fans weiter verhärten könnten. Kritik der Fans an der überzogenen Reaktion der Polizei sei speziell nach dem Vorfall vor dem 1860-Spiel aufgekommen. "Auf Polizeiseite regiert immer mehr die harte Hand. Durch solche Gruppenverhaftungen bekommen immer öfter Fans schuldlos ernste Probleme", sagt Wolff.
Arminia und Fan-Projekt wollen die Vorkommnisse deshalb schnellstens mit den Fans und der Polizei im Dialog aufarbeiten. "Das Schlimmste wäre jetzt eine Eskalation", sagt Wolff.

























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