Bielefeld. Seit 2003 hat auch Bielefeld einen Drogenkonsumraum. Ein erfolgreiches Hilfsangebot: Immer mehr Abhängige nutzen in den Räumlichkeiten des Drogenhilfezentrums (DHZ) an der Borsigstraße die Gelegenheit, ihre Drogen unter sterilen Bedingungen zu konsumieren. Allein im Oktober nutzten sie dieses Angebot 2.274-mal. Im März waren es noch 1.681 Vorgänge. Vergangene Woche trafen sich die Betreiber der deutschen Drogenkonsumräume in Bielefeld zum Erfahrungsaustausch. Ihr neues Ziel: heroingestützte Behandlung.
Seit der Novellierung des Betäubungsmittelgesetzes im Jahre 2000, die als gesetzliche Grundlage für die umgangssprachlich als "Fixerstuben" oder "Druckräume" bezeichneten Einrichtungen gilt, trifft sich der "Arbeitskreis der Drogenkonsumräume" in wechselnden Städten mit Druckräumen.
Heute – kurz vor dem zehnten Geburtstag der Gesetzesnovelle – grübeln die Sozialarbeiter der Drogenhilfeeinrichtungen schon über den nächsten großen Schritt: Kontrollierte Abgabe von Diacethylmorphin – kurz "Diamorphin" genannt.
Diamorphin-Therapie ist derjenigen mit Methadon überlegen
Hinter dem medizinisches Fachbegriff verbirgt sich nichts anderes als pharmakologisch reines und synthetisch hergestelltes Heroin. Erste Modellprojekte in Bonn (seit 2002), Frankfurt, Hamburg, Köln, Hannover, München und Karlsruhe hätten mit der Diamorphin-Abgabe an Schwerstabhängige sehr gute Erfolge gebracht, bestätigt Tagungsteilnehmer Urs Koethner von der Krisenhilfe in Bochum. "Fast überall herrscht seitdem großes Interesse. Wir erwarten uns vom Diamorphin große Erfolge und sitzen deshalb ungeduldig in den Startlöchern."
Der Deutsche Bundestag hatte im Mai die gesetzliche Grundlage für eine geregelte Diamorphin-Behandlung gelegt, indem er synthetisches Heroin als verschreibungspflichtiges, verkehrsfähiges Betäubungsmittel eingestuft hat. Experten sind sich nach der jahrelangen Testphase unisono einig, dass die Diamorphin-Therapie derjenigen mit Methadon überlegen sei. Methadon helfe nur gegen körperliche Symptome der Abhängigkeit, Diamorphin auch auf emotionaler Ebene.
Bielefelds Sozialdezernent Tim Kähler (SPD) betonte zur Begrüßung der Tagungsteilnehmer im Rathaus, dass er die Abgabe von synthetischem Heroin auch in Bielefeld für vorstellbar halte. Deshalb wolle die Stadt in diese Diskussion jetzt konkret einsteigen. Laut den Tagungsteilnehmern erwarte Kähler im sozialpolitischen Raum keine große Diskussion. Trotzdem stellt die Diamorphin-Abgabe für die Öffentlichkeit ein heikles Thema dar. Vor allem konservative Kritiker befürchten – überspitzt formuliert –, dass der Staat jetzt auf Kosten der Steuerzahler zum Dealer wird. Man verliere das Ziel der Abstinenz aus den Augen, sagen andere. Tatsächlich geht es auf Landesebene bei der Definition der nötigen Auflagen (im Gespräch sind drei eigene Räume, drei Vollzeitärzte, 10 nichtmedizinische Stellen, hohe Sicherheitsauflagen) vor allem um Geld: Wer zahlt bei der Therapie was? Was kommt auf die Kommunen zu? Was müssen die Krankenkassen schultern?
"Ich rechne deshalb nicht mit einer Umsetzung vor Ende 2010", sagt Piet Schuin, Geschäftsführer der Drogenberatung Bielefeld, die den hiesigen Konsumraum betreibt. "Etwa die geforderten Sicherheitsauflagen sind so streng, dass es für viele Kommunen zu teuer wird." Angeblich soll das Landeskriminalamt Transport und Zustellung des Diamorphins übernehmen. "So kostspielige Auflagen gibt es bei der Methadonvergabe nicht", sagt Schuin.
"Drei der laufenden Modellprojekte haben signalisiert, dass sie unter diesen Bedingungen aufgeben müssten", betont Susanne Kratz vom DHZ. Während die Stadt Frankfurt den Jahresetat für ihr Diamorphin-Projekt gerade auf 2 Millionen Euro aufgestockt hat. Ein Indiz für den Erfolg bei dem Pilotprojekt.