Bielefeld. Mit 2,16 Milliarden Euro lag das Spendenaufkommen in Deutschland im Jahr 2008 trotz der beginnenden Wirtschaftskrise noch einmal um 3,9 Prozent höher als im Vorjahr. Mit dieser überraschenden Feststellung wartete Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der von Bodelschwinghschen Anstalten, gestern Abend bei seinem Vortrag "Spenden in Deutschland" vor dem Industrie- und Handels-club (IHC) Bielefeld auf. Die Deutschen seien damit einmal mehr Weltmeister im Spenden.
Es gibt in Deutschland wohl kaum einen besseren Experten zum Thema Spenden als Pastor Pohl (52). Schon seit 2001 ist der Theologe, der seit dem vergangenen Jahr Chef in Bethel ist, für den Spenden-Eingang eines der größten Spendenempfänger Deutschlands verantwortlich. 21,5 Millionen Euro Spendengelder erhielt Bethel zuletzt jährlich. Noch einmal 20 Millionen Euro aus Nachlässen kommen hinzu. Zusammen macht dies rund fünf Prozent des 800-Millionen-Euro-Budgets in Bethel aus – eine durchaus beachtliche "freie Spitze", wie Pohl formulierte. Mit ihr könne Bethel auch in Projekte investieren, die sich nicht sofort vollständig refinanzieren.
Dass sich die Krise zumindest im vergangenen Jahr beim Spendenaufkommen noch nicht bemerkbar gemacht hat, führte Pastor Pohl auch darauf zurück, dass der Anteil der von der Krise bislang nicht so stark betroffenen Rentner bei den Spenden mit mehr als 50 Prozent besonders hoch sei. Pohl nannte noch weitere interessante Statistik-Werte. Jeder fünfte Deutsche spendet wenigstens einmal im Jahr. Der durchschnittliche Spender gibt sogar sechsmal im Jahr Geld für einen guten Zweck, und zwar insgesamt 167,37 Euro. Die meisten Spenden werden in den letzten sechs Wochen des Jahres getätigt. Insgesamt 40 Prozent des gesamten Spendenaufkommens fließt in der Vorweihnachtszeit zwischen dem 10. November und 20. Dezember an die Empfänger.
77,9 Prozent aller Spenden kamen im Jahr 2008 humanitären Einrichtungen oder Projekten zugute – ein seit Jahren leicht fallender Anteil. Das ist der Bereich, in dem auch die von Bodelschwinghschen Anstalten (ab 1. Januar heißen sie übrigens von Bodelschwinghsche Stiftungen) tätig sind. Dagegen steigt Jahren der Anteil der Spenden für den Bereich Kultur- und Denkmalpflege. Es folgen dann der Tierschutz (3,8 Prozent) und der Umweltschutz (3,7 Prozent).
Möglicherweise macht sich die Wirtschaftskrise in diesem Jahr beim Spenden-Gesamtaufkommen in Deutschland doch noch bemerkbar. Im ersten Halbjahr 2009 nämlich spendeten die Deutschen mit 847 Millionen Euro immerhin 6,3 Prozent weniger als im ersten Halbjahr des Jahres 2008. Erfasst werden diese Zahlen übrigens vom Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag des Deutschen Spendenrats. Pastor Ulrich Pohl ist stellvertretender Vorsitzender des Spendenrats, der seinen Sitz in Berlin hat und in dem die wichtigsten gemeinnützigen Einrichtungen Deutschlands zusammengeschlossen sind.