Nach der Schweizer Minarett-Ablehnung: Islam in Bielefeld zwischen Annäherung und Abschottung
Bielefeld. Zwölf Moscheen - alle (noch) ohne Minarett - (siehe Kasten) gibt es in Bielefeld. Seit Jahrzehnten praktizieren Moslems ihren Glauben in der Stadt ohne Probleme. Doch das Schweizer Nein zu Minaretten sorgt auch hier für Diskussionen - innerhalb und außerhalb der Moscheen. Dabei ist allen klar: Es geht um Ängste: der Nichtmuslime vor einem radikalen und politischen Islam; der Muslime vor der pauschalen Ablehnung.
Christen, Muslime und Juden aus Bielefeld arbeiten gegen diese Tendenzen seit Jahren an. Sie feiern zusammen das Abrahamsfest, laden zu gemeinsamen Veranstaltungen in Kirchen, Moscheen und die Synagoge ein und führen den so genannten Trialog. "Doch das Bauchgefühl bei vielen in der Bevölkerung ist nicht gut", analysiert Irith Michelsohn von der Jüdischen Gemeinde. Mit Brigitte Maske, Islam-Beauftragte bei der Evangelischen Kirche, und Cefli Ademi, Sprecher der Bielefelder Moschee-Gemeinden, organisiert sie die "Graswurzelarbeit" der drei monotheistischen Religionen. Vieles sei dadurch erreicht worden. "Ich bin manchmal erstaunt, wie viele Menschen zu den Veranstaltungen kommen", sagt Ademi. Die Gläubigen lernen sich so untereinander kennen und schätzen. Mit der Fremdheit verschwindet die Angst voreinander. Das ist die Bielefelder Erfahrung.
Das Unbehagen bei Nichtmuslimen dem Islam gegenüber - und bei Muslimen den Nichtmuslimen gegenüber - ist trotzdem ausgeprägt geblieben. "Gefährlich" findet Cefli Ademi das. In den Moschee-Vereinen bestärke diese gefühlte Ablehnung den Eindruck, ein Austausch sei überflüssig. "Ich höre dann, das gesagt wird, die mögen uns sowieso nicht." Ängste vor dem Islam werden seiner Meinung nach von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bewusst geschürt. "Es wird das Unrecht in Staaten wie Saudi-Arabien, Iran oder Türkei auf die Muslime hier übertragen", bemängelt Ademi. Für den kurz vor der Promotion stehenden Juristen und erklärten Verfassungspatrioten ist das ein Grundfehler in der Diskussion. "Die Mehrheit der Muslime ist hier geboren und kennt kein anderes System als das in Deutschland."
Doch das Problem des Islams ist nicht nur eine Imagefrage, hervorgerufen durch "heilige" Kriege, Selbstmordbomber und Frauenunterdrückung in fernen Unrechtsstaaten. Auch vor Ort lässt sich erleben, dass manche Muslime mitunter ein anderes, fremdes, manchmal rückständiges und intolerantes Gesellschaftsverständnis pflegen. Islamisch begründete Gewalt (Sauerlandgruppe, Kofferbomber) sät Zweifel an der Integrität der Religion. Ebenso vollverschleierte Frauen, Kinder mit Kopftuch und abgemeldete Mädchen vom Schwimmunterricht - das alles gibt es auch in Bielefeld - sorgen für Spannungen. "Da wünschte ich mir schon, dass die Moschee-Vereine hier mehr tun", mahnt Brigitte Maske von der Evangelischen Kirche.
Die langjährige Islambeauftragte sieht zwei gegenläufige Entwicklungen: Zum einen Moschee-Vereine, die sich immer mehr den gesellschaftlichen Normen wie Gleichberechtigung zuwenden; zum anderen Moschee-Vereine, die sich weiterhin abschotten und das deutsche Wertesystem nicht teilen. "Die sind es, die sich zum Beispiel vehement gegen die Teilnahme von Mädchen an bestimmten Schulstunden aussprechen", sagt sie.
Hier vermengen sich nach Ansicht von Maske, Ademi und Michelsohn jedoch patriarchale und archaische Traditionen aus den (islamisch geprägten) Herkunftsländern mit der Religion. Nicht alles, was mit dem Islam begründet werde, habe mit ihm zu tun, so Ademi. Zum Beispiel getrenntes Beten von Frauen und Männern. Auch das unterdurchschnittliche Bildungsniveau von Muslimen habe eher mit der bäuerlich-einfachen Prägung vieler Zuwanderer zu tun.
Für Ademi ist ein Prozess im Gange. "Muslime sind dabei, ihre (deutsche) Identität zu finden." Es werde untereinander diskutiert und gestritten, auch über die Auslegung des Korans, der - im Sinne der europäischen Tradition - "im Kontext zu interpretieren" sei. "Das ist Konsens, es gibt nur unterschiedliche Meinungen darüber, wie weit die Interpretationen gehen dürfen."
Was dennoch fehlt ist: Vertrauen. Und zwar gegenseitig. "Die Aufklärung geht weiter", postuliert Irith Michelsohn. Die Arbeit in Bielefeld, da sind die drei Vertreter der Religionen überzeugt, sei beispielhaft. "Es funktioniert nur auf der menschlichen Basis", sagt Michelsohn. "Wir konzentrieren uns darauf, positive Kräfte in Gang zu bringen", sekundiert Brigitte Maske.
Cefli Ademi formuliert es - an Moslems und Nichtmoslems gerichtetet - juristisch: "Eigentlich ist auf Toleranz-Politik niemand angewiesen. Wir haben eine Verfassung für eine pluralistische Gesellschaft. Die Frage ist: Sind wir bereit und reif für sie?"
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