Bielefeld. "Stern dabei? Dose? Kreide auch?" Andreas Flore muss gar nicht besonders laut sprechen. Drei Fragen, und schon ist es ruhig. 20 Kinder mit bunten Turbanen oder goldfarbenen Pappkronen auf den Köpfen nicken kurz und verteilen sich auf fünf Gruppen. Der Sternsingerumzug der Christkönigsgemeinde kann beginnen.
Leander Schroeter ist mit sechs Jahren der Jüngste und heute mit dunkel geschminktem Gesicht als Balthasar dabei. Zum ersten Mal. Stolz hält er die Sammeldose. Etwas aufgeregt sei er schon, sagt er mit gesenktem Kopf. Doch seine Schwester Charlotte (11) gehört zu seiner Gruppe. Da fühlt er sich nicht so allein. Außerdem sind da noch die drei Freundinnen Daniela Tadic (12), Ella Riegler (12) und Loren Fliege (13). Seine Mutter Ursula wird die bunte Truppe in Kostümen aus alten Priestergewändern und Gardinen von Haus zu Haus chauffieren.
Die Besuche sind mit den Gemeindemitgliedern vorab abgesprochen, erzählt Andreas Flore, in diesem Jahr zum zehnten Mal Leiter der Sternsingeraktion seiner Gemeinde. "Die Menschen bereiten sich auf die Kinder vor. Sie freuen sich von Herzen", erzählt der 36-Jährige.
Als Ursula Schroeter ihr Fahrzeug von der Weihestraße über verschneite Fahrbahndecken zur Gustav-Freytag-Straße lenkt, hat zuvor Gemeindepfarrer Thomas Metten mit den, so wörtlich, "kleinen Majestäten" vor der Krippe einen kurzen Gottesdienst gefeiert und ihnen den Segen erteilt.
Ihre Rolle als Sternsinger haben die Mädchen und Jungen Tage zuvor mit Andreas Flore mehrmals geübt. Der berichtet, die vom Aachener Kindermissionswerk ins Leben gerufene Sammelaktion stehe in diesem Jahr unter dem Motto "Kinder finden neue Wege".
Als Ursula Schroeter im zehn Zentimeter hohen Neuschnee ihr Auto ausrollen lässt, legt sich die Dämmerung über die Siedlung. Dort kennen sich die Kinder aus. Helene und Arnold Schroeter, die Großeltern von Leander und Charlotte, bitten die kleinen Könige ins Wohnzimmer.
Total unbekümmert stimmen sie ihr gemeinsam einstudiertes Lied an "Wir gehen auf ganz neuen Wegen". Bei der Zeile "Wir folgen dem Stern, wir folgen dem Stern" beschreiben sie mit dem rechten Arm einen weiten Kreis und zeigen auf Ella Riegler, die den Stab mit dem glänzenden Stern hält.
Ein zusammengefaltetes Scheinchen für die Sammelbüchse und Omas freudiger Kommentar "So sieht man seine Gardinen wieder" - der Auftakt bei den Großeltern hat die Kinder aufgelockert. Daniela besteigt einen Stuhl und drückt ihr Kreidestück gegen den oberen Rahmen der Wohnzimmertür. In dieser Gemeinde ist es üblich, den Wunsch im Innern des Hauses aufzuschreiben.
"Hier, vielleicht geht es mit Ölkreide besser", empfiehlt Leander der Freundin. Die hat Mühe, die Folge von Buchstaben und Zahlen lesbar anzubringen. Für den Fall, dass es auch damit nicht klappen sollte, hält Andreas Flore die Inschrift "20*C+M+B+10" (siehe Kasten) auf Klebefolie bereit. Nicht jedes Holz nimmt Kreide an.
Bei der netten Nachbarin nebenan gibt’s nicht nur einen Geldschein für Afrika. Marie Petruska, eine temperamentvolle 90-Jährige, steckt wie manch andere Spenderin später auch jedem Sternsinger eine Tafel Schokolade zu.
Noch sechsmal singen sie an diesem Nachmittag ihr Lied. Dann geht’s zurück zum Gemeindehaus. Andreas Flore wartet dort mit heißem Kakao.