Bielefeld. Die Revolution findet nicht statt. Der Oetker-Konzern bleibt wie er ist. Breit aufgestellt von Bier bis Bank. Erfolgreich, verschwiegen, bescheiden. Dass Anfang des Jahres Richard Oetker (59) das Regiment von seinem älteren Bruder August (65) übernommen hat, ändert daran gar nichts. Nicht mal an der Wortwahl. "Im Zusammenhang mit unserer Bilanz sprechen wir nicht gern von ,glänzend’", sagt Richard Oetker. "Wir freuen uns einfach, wenn wir ein ordentliches Jahr hatten."
Oetker stehe fest auf seinen verschiedenen Säulen. "Und an diesen Säulen werden wir nichts ändern." 2009 sei trotz der Krise ein "ordentliches Jahr" gewesen. Richard ist es, der diese Einschätzung abgibt. Aber der ältere Bruder, den sie bei Oetker "August den Starken" nennen, hätte es haargenau so formuliert. Und doch täuschen sich all jene, die glauben, Richard werde an der Konzernspitze eine August-Kopie geben. Ein bisschen geärgert hat es den jüngeren nämlich doch, dass die Medien darauf herumgehackt haben, dass der Generationswechsel bei Oetker ausgeblieben sei. "Was soll das heißen?", fragt er beim Kennenlern-Abend mit einer handvoll ausgesuchter Journalisten in der Dr. Oetker-Welt.
Seinem Bruder wirft er einen schelmischen Blick zu. "Gefühlt bin ich eine ganz andere Generation als mein Bruder." Und ein ganz anderer Mensch. Ausdauernd, fleißig, mit Gefühl für Menschen – wie alle Oetkers. Aber eben auch mit einem besonderen Talent zum Zuhören. "Ich sage meine Meinung. Aber vielleicht fällt es mir leichter als meinem Bruder, meine Meinung zu revidieren, wenn ich erkenne, dass ich falsch liege", sagt Oetker. Und hat bei diesem kleinen Seitenhieb schon wieder den Schalk im Nacken. "Außerdem fehlt mir die Sensibilität für Konfliktpotenzial. Ich komme oft erst sehr viel später darauf, worüber sich Menschen streiten können."
Bewusst im Hintergrund gehalten
Das hat natürlich mit Richard Oetkers persönlicher Geschichte zu tun. Im Dezember 1976 ist Oetker entführt worden, war in eine kleine Kiste gesperrt. Höllenqualen hat er gelitten, wäre an den Folgen der Entführung beinahe gestorben. Und hat sich all die Jahre danach bewusst im Hintergrund gehalten. Den "Schattenmann" haben sie ihn daher oft genannt. "Die Bezeichnung ärgert mich nicht", sagt Oetker. "Das habe ich mir selbst ausgesucht. Das war mein selbst gewählter Weg."
Lange Jahre sei es ihm gelungen, im Schatten zu bleiben. Dass er jetzt ins Licht tritt, war aber ebenso seine ureigene Entscheidung. Im Dezember 1976, vor rund 33 Jahren, war Richard Oetker ein ganz normaler Student an der Universität München, Außenstelle Weihenstephan. "Ich hatte das Seminar leider früher verlassen als die anderen, um nach Hause zu fahren." Als er einen schräg geparkten Kastenwagen wahrnahm, wollte er umkehren, drehte sich um. Und sah sich einem maskierten Mann gegenüber, der ihm eine Pistole mit Schalldämpfer an den Kopf hielt. "Na, mein Richardchen, das Ding macht nur klack – also vorwärts."
Dieter Zlof, dessen Namen Richard Oetker auch heute noch nur sehr ungern ausspricht, zwingt ihn, in eine Kiste zu steigen. Oetker ist an Händen und Füßen gefesselt. Tagelang bleibt der 1,94-Meter-Mann in der Kiste gefangen, die nur 1,42 Meter lang ist, so schmal ist das Gefängnis, dass der Entführte mit beiden Schultern die Wände berührt. Falls er sich wehre, werde er einen Stromschlag auslösen, warnt Zlof. "Ich habe überlegt, ob er blufft", erzählt Oetker. Aber dann habe er gesehen, dass eines der Stromkabel nicht isoliert war. "Da habe ich mich ruhig verhalten."
Siebten und achten Brustwirbel und beide Hüften gebrochen
Ruhig, gefasst erzählt Richard Oetker von der Katastrophe seines Lebens. "Von meinem Naturell her bin ich Optimist" sagt er. "Ich habe erwartet, dass ich lebend wieder rauskomme. Ich hatte eigentlich keinen Anlass, das zu glauben. Aber ich habe es trotzdem getan. Weil Zlof ihm natürlich nicht seinen Namen verrät, nennt Oetker ihn Checker. Das sei ein Freund aus Jugendtagen gewesen, mit dem er seinerzeit viel Blödsinn angestellt habe. "Das gab mir ein positives Gefühl." Oetker versucht, Nähe zum Entführer herzustellen, um sich selbst zu schützen.
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Es nützt ihm nichts. Zlof jagt einen Stromstoß durch Oetkers Körper. Weil Strom dazu führt, dass sich alle Muskeln des Körpers extrem zusammenziehen, bricht Oetker sich den siebten und achten Brustwirbel, die Lunge nimmt Schaden, beide Hüften sind gebrochen. "Ich dachte, ich sterbe. Das hat unglaublich wehgetan." Sein Bruder August ist es, der Tage später die geforderten 21 Millionen DM Lösegeld übergibt. "Das war fürchterlich", erzählt August Oetker. "Zu wissen, ich habe meinen Teil der Abmachung eingehalten. Aber wird sich auch der Entführer an die Abmachung halten?" Als die Polizei Richard Oetker schließlich in einem Auto im Wald findet, ist er mehr tot als lebendig.
Im Krankenhaus kämpfen die Ärzte um sein Leben. Wegen des Lungenschadens kann er nicht narkotisiert werden. Bei vollem Bewusstsein bohren die Ärzte Löcher in seine Kniescheiben, hängen Gewichte daran, um die Hüften herunterzuziehen, die sich durch den Stromschlag in den Körper geschoben haben. "Seither habe ich die Gewissheit, dass die Menschen viel mehr aushalten, als wir glauben." Eine Überlebenschance von 50:50 geben ihm die Ärzte, die Lunge kommt nicht wieder auf Touren, die Familie nimmt, einer nach dem anderen, Abschied von Richard. "Als Optimist, der ich bin, habe ich überlegt, wie ich es schaffen kann, meine Familie davon zu überzeugen, dass ich es schaffe."
15 Jahre lang ermittelt Oetker weiter
Oetker kämpft. Kämpft sich zurück ins Leben. "Als am nächsten Tag der Professor strahlend in mein Zimmer kam, wusste ich: Ich habe es geschafft." Eine Stunde lang erzählt Richard Oetker. Von der Entführung, vom Prozess gegen seinen Peiniger. Von der Wut, dass einige Menschen glauben, mit Zlof sitze ein Unschuldiger im Gefängnis, weil er nur aufgrund von Indizien verurteilt werden konnte. Das darf so nicht stehen bleiben, sagt Oetker.
Mit den Medien will er aber nicht sprechen. "Die einzige Möglichkeit war also, eine Verbindung zwischen dem Täter und dem Lösegeld herzustellen." Oetker kontaktiert den ehemaligen Leiter der Polizei-Sonderkommission, gemeinsam "ermitteln" sie weiter. 15 Jahre lang, die Zlof im Gefängnis sitzt und weiter, als er wieder auf freiem Fuß ist. "Mein Alptraum war, dass der auch noch in den Genuss des Geldes kommt. 1997 schließlich ist Oetker am Ziel. Zlof geht in die Falle, die man ihm in London gestellt hat, als er versucht, das Lösegeld zu tauschen und wird erneut verurteilt. Oetker kann endlich einen Strich ziehen unter das schreckliche Kapitel. "Und somit hatte ich wieder einen Grund, optimistisch zu sein", sagt er.
Zu diesem Zeitpunkt ist er schon längst in das Unternehmen eingestiegen. Am 1. September 1980 beginnt seine Karriere im Oetker-Konzern. Er übernimmt das Marketing für den Langnese-Honig, der seinerzeit noch zum Bielefelder Portfolio gehörte. Danach leitet er die Einkaufsgesellschaft der Gruppe. Und dann kam die Grenzöffnung. Oetker wird Chef der Dr. Oetker International Ost. "Ganz ehrlich: Zu Anfang war ich nicht begeistert." Aber anschließend um so mehr. "Das war eine unheimlich spannende Zeit. Und ich habe unglaublich viele kompetente, loyale, fleißige Menschen kennengelernt."
Oetker-Schiffe sind mit gedrosselter Kraft unterwegs
Land für Land nimmt Oetker sich vor, machte das Unternehmen in vielen Staaten zum Marktführer. Er selbst sieht das bescheidender. "Wir haben uns eine ganz ordentliche Position aufgebaut." Der wichtigste Faktor, sagt Oetker, ist bei all diesen Bestrebungen der Mensch. Folgerichtig wurde er Personalchef für den Gesamtkonzern. "Und bin es bis zum Ende des vergangenen Jahres geblieben."Danach sind die Aufgaben nicht kleiner geworden. Zum Beispiel in der Container-Schifffahrt von Hamburg-Süd, der neben den Lebensmitteln wichtigsten Sparte des Konzerns. 140 Schiffe sind für Oetker unterwegs, 40 davon sind auch Eigentum des Konzerns. "Zehn weitere folgen in den nächsten Jahren."
Sie sind bestellt, angezahlt – und werden auch abgenommen. "Wir sind Westfalen. Wenn wir Verträge gemacht haben, dann stehen wir dazu." Zwar sind die Oetker-Schiffe im wahrsten Sinne des Wortes mit gedrosselter Kraft unterwegs, aber ein Minus machen sie trotz Krise nicht (mehr). Insbesondere der südamerikanische Markt boome. "Wir machen jetzt keine Verluste mehr mit der Schifffahrt", stellt Richard Oetker klar. In einer weiteren Oetker-Sparte, dem Bier-Geschäft, hat August Oetker kurz vor der "Rente" noch einen großen Coup gelandet.
Er hat die Kultbrause Bionade geschluckt. Die Bionade sei zurzeit eine "kleine Säule", die aber "zum richtigen Fundament" werden kann, sagt Richard Oetker. Die Brause sei "internationalisierungsfähig", und das ist in Zeiten stagnierender Biermärkte ein wichtiges Argument. Bei der Tiefkühlpizza, bei der Oetker längst europäischer Marktführer ist, hat die weitere Internationalisierung längst begonnen – allerdings etwas langsamer, als zunächst geplant. Die Distribution hat sich als schwieriger herausgestellt als gedacht.
Richard macht die Ansagen
In einem Testgebiet an der Ostküste gibt es die Oetker-Pizza bereits. Die Resonanz sei ausgesprochen positiv. Eine Vorentscheidung ist das aber keineswegs. "Ende des Jahres ziehen wir Bilanz. Dann kommt der nächste Schritt." Und über den entscheidet der neue Chef. "Der Vorsitzende hat das letzte Wort", sagt Richard Oetker. Für ihn kein Problem. Weder bei der Pizza, noch in den anderen Konzernsparten. Er sei zwar nicht Geburtshelfer der jetzigen Oetker-Struktur gewesen. Aber er habe die Strategie mit erarbeitet.
"Ich habe für die Kontinuität meinen Beitrag geleistet." Und was macht der große Bruder, August der Starke? "Er wird mich überwachen. Er war mein Geschäftsführer, jetzt wird er mein Beiratsvorsitzender", sagt Richard Oetker. Und mit einem breiten Grinsen. "Das ist das Los der Jüngeren. Man wird den älteren nicht los." Wohlgemerkt: Richard ist es, der die Ansage macht. Und auch das ist ein Signal.
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Kommentare
Giselle schrieb am 21.01.2010 21:53 Uhr
Hi Herr von Schulenburg,
natürlich wär es interessant mehr über Radeberger oder über Saatkonzerne zu hören, die in Oetker's Hand sind. Aber wen interessiert das eigentlich außer uns zweien? Also lesen wir die Geschichte des Richard Oetker zum x.ten Mal. Dennoch gut, dass Herr Oetker sich so präsentiert oder dass dieses Thema so von der NW nochmals geschrieben wird. Verbrechen gibt es leider immer noch. Die Opfer werden leider zu oft vergessen.
Nun aber zum Konzern. Interessant wäre beispielsweise, wieviel Investitionen in Deutschland getätigt werden, wieviel Arbeitsplätze allein in Bielefeld beim Oetkerkonzern existieren und interessant wäre auch zu hören, ob der derzeitige Unsinn der schwarz-gelben Koalition im Bund aus Sicht eines großen Familienkonzerns überhaupt Sinn ergibt? Was wird Oetker tun, wenn Deutschland pleite ist?
Doc schrieb am 21.01.2010 15:20 Uhr
Oetker habe ich auf die schwarze Liste gesetzt.
Es gibt ja genug Alternativen.
Peter von Schulenburg schrieb am 21.01.2010 14:46 Uhr
Wie oft wird die NW die Entführungsgeschichte noch schreiben? Die ist 33 Jahre her, wurde hundertfach durchgekaut und auch nach dem Film "Tanz mit dem Teufel" 2001 nochmals aufgewärmt. Es mag doch niemand mehr lesen. Sehr viel interessanter wären Aussagen zur (neuen?) Strategie des Herrn Richard Oetker gewesen. Wo geht der Konzern hin? Fragen Sie doch mal nach, wie es im Biermarkt aussieht und was für schlechte Zahlen die Radeberger Gruppe abliefert! Wie steht's mit dem Pizzageschäft? Das massiv verstärkte Nestlé-Engagement in diesem Markt sollte dem gefährlich betulichen Oetker-Konzern wieder Leben einhauchen, oder? Die Themen liegen auf der Straße - aber der WIRTSCHAFTSredakteur Herr Schelp macht ein bißchen brave Personality-Schreibe. Dafür gab's auch nette Häppchen. Ganz schwache Leistung und ein Grund mehr, sich zu fragen, wer solche Abopreise noch freiwillig zahlt. Ach nein, ist ja online und kostenlos. Gut so. Ist auch keinen Cent wert.
Oli schrieb am 21.01.2010 12:35 Uhr
Deutschland kann echt Stolz auf die Familie Oetker sein! Haben schon viel für unser Land geleistet. Und was mich am meisten beeindruckt ist, dass sie bescheiden bleiben! Das verdient am meisten Respekt. (PS. Bin kein Oetker-Mitarbeiter der seinen Arbeitgeber hochlobt!)
DerKurze schrieb am 21.01.2010 12:23 Uhr
Ich habe diesen Artikel mit viel Interesse gelesen. Die Entführung aus Richard Oetkers Sicht kennen zu lernen, fand ich ziemlich aufschlussreich.
Allerdings glaube ich nicht, dass der Täter damals in den 70ern 21 Millionen EURO gefordert hat. ^^
Anmerkung der Redaktion: Vielen Dank für diesen Hinweis. Der Fehler wurde natürlich sofort korrigiert.
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