Wer an der FH Bielefeld bei Klausuren fehlt, studiert länger oder riskiert die Karriere
Bielefeld. "Auf gar keinen Fall darf ich jetzt krank werden!", schnieft Nina A. (23), Studentin an der Fachhochschule Bielefeld. Sie muss jetzt innerhalb von vier Tagen drei schwere Klausuren schreiben. "Wenn ich die verpasse", schildert sie ihr Problem, "muss ich entweder ein Semester länger studieren, oder ich riskiere die Zulassung zum Masterstudiengang." Der Grund: Der Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit bietet keine Klausur-Nachschreibetermine an.
Im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses ist auch das Studium an der FH Bielefeld geändert worden. Im Bachelor-Studiengang müssen die Studierenden jetzt den Lehrstoff, der früher in acht Semestern zu bewältigen war, in sechs Semestern Regelstudienzeit beherrschen. Das erzeugt einen beachtlichen Leistungsdruck. "Im Fach Wirtschaftsrecht müssen wir fünf Seminare pro Semester besuchen, alle werden mit einer Klausur abgeschlossen", sagt Nina. Christin H. (24), Studentin der Betriebswirtschaftslehre, kennt das. In ihrem Fach muss sie sogar sechs Klausuren schreiben.
"Dagegen haben wir ja nichts", weisen die beiden jungen Frauen jeden Jammerverdacht von sich, "das wussten wir ja vorher. Aber dass kein einziger Termin für das Nachschreiben von Klausuren angeboten wird, ist nicht in Ordnung." Wozu das bei allem Leistungswillen führen kann, erklärt Nina so: "Ich war im letzten Semester sechs Tage krank und habe in dieser Zeit drei Klausuren verpasst. Die jetzt nachzuschreiben, ohne vorher die entsprechenden Lehrveranstaltungen noch einmal besucht zu haben, ist hochriskant."
Arbeitsgruppe diskutierte
Ein anderer Professor kann ganz andere Schwerpunkte setzen, und auch der Lehrstoff kann sich, zum Beispiel im schnelllebigen Steuerrecht, geändert haben. "Meine Noten wären vorhersehbar schlechter", sagt Nina. "Gute Noten sind aber wichtig, um die Zulassung zum Masterstudiengang zu bekommen." Deshalb studiert sie lieber länger, selbst wenn sie dafür Studiengebühren zahlen und auf Bafög-Leistungen verzichten muss. Im Mai 2009 habe der Fachbereich einen Versuch unternommen, die Situation für die Studierenden zu verbessern, sagt Christin. Eine Arbeitsgruppe mit 15 Professoren und zwei Studenten diskutierte das Problem. Man war sich wohl einig, dass sich etwas ändern müsse. Der Wunsch der Studenten war klar: "Wir wollten die Möglichkeit bekommen, zeitnah die Klausuren nachschreiben zu können, die wir aus Krankheitsgründen verpasst haben."
Eine solche Lösung fand sich aber nicht. Nun machten Nina und Christin den Wunsch der Studierenden zu ihrem Anliegen. Sie organisierten eine Initiative außerhalb der FH-Gremien. Über Studi-VZ und Mundpropaganda machten sie auf ihr Vorhaben aufmerksam. Der Fachschaftsrat, der nach Meinung der beiden engagierten Studentinnen "völlig versagt hat", rührte sich nicht. Dennoch: Innerhalb von 24 Stunden sammelten sie 638 Unterschriften für ihr Anliegen.
"Letztlich hat sich dann aber doch nichts geändert", ärgern sich die Frauen im Rückblick. Ihr Unbehagen an der Situation bleibt: "Bologna sollte Gleichheit schaffen, bei uns ist das Gegenteil der Fall."
Vorsichtiger Optimismus
Der Dekan des Fachbereichs, räumt ein, "dass die Studierenden recht haben". Das Dekanat sei "mit der Situation auch gar nicht zufrieden", sagt Uwe Rössler. Das umfassende und attraktive Wahlpflichtangebot der FH Bielefeld erzeuge aber "ein Komplexitätsproblem", das auch "Einschränkungen mit sich bringe". Das Problem der Studierenden werde aber gesehen und, so Rössler, "wir nehmen es sehr ernst".
Am 10. Februar wird sich nun der Fachbereichsrat unter Tagesordnungspunkt 10 damit befassen. Rössler zeigt sich bei allen organisatorischen Problemen vorsichtig optimistisch, dass "wir den Studierenden dann eine Lösung anbieten werden, mit der sie zufrieden sind".