Bielefeld. Heute Abend werden sie wieder am Jahnplatz aufeinandertreffen: alkoholisierte und möglicherweise auch gewaltbereite Nachtschwärmer – eine explosive Mischung. Der Blick ins NW-Archiv liefert zahlreiche Gewaltdelikte rund um den Verkehrsknotenpunkt. Beim jüngsten wurde der 17-jährige Hendrik Plath so schwer verletzt, das er seitdem halbseitig gelähmt ist. Trotzdem sprechen Geschäftsleute und Polizei von "bedauerlichen Einzelfällen".
"Diesmal sind die Folgen leider besonders gravierend", sagt Polizei-Oberrat Michael Borchardt, verantwortlich für das Projekt "Sichere Innenstadt", dessen Fokus seit April 2009 auf die Vermeidung von Gewaltdelikten gerichtet ist. Die Einschätzung des 25-jährigen Retters Timo Kohlmeyer, der den folgenschweren Angriff stoppte und den Jahnplatz gegenüber dieser Zeitung "Bielefelds gefährlichsten Platz" nannte, teilt Borchardt: "Das ist objektiv richtig. Da passiert einfach am meisten, weil dort die meisten Menschen sind."
So lautet auch die Einschätzung der Geschäftsleute, die vor Ort an Wochenenden vor allem abends und nachts viel Publikum haben. "Das ist halt ein Sammelpunkt, an dem schon durch den Nachtbusverkehr immer wieder alkoholisierte Menschen aufeinandertreffen", sagt Frederike von Spiegel, Geschäftsführerin der CE Gastronomie und Verpachtungs GmbH (Betreiber des Café Europa). Schwere Übergriffe sind nach ihrer Einschätzung jedoch eine seltene Ausnahme. "In den vergangenen zehn Jahren hat sich da nicht viel verändert", sagt sie.
Arndt Heiderich, Franchisenehmer für die McDonalds-Filiale am Jahnplatz, in der Opfer und Täter vor dem Zusammenstoß Kunden waren, sieht darin kein Bielefelder Problem: "Solche Plätze gibt es in jeder Stadt." Die tätlichen Auseinandersetzungen dominieren seiner Meinung nach nicht das Geschehen am nächtlichen Treffpunkt Jahnplatz. Trotzdem appelliert er an "das wachsame Auge der Mitbürger" und zeigt sich zufrieden angesichts des "gesunden Maßes an Polizeipräsenz".
Die hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren vor allem an Wochenenden verstärkt, da nach Borchardts Angaben gut die Hälfte aller gemeldeten Gewaltdelikte in den beiden Wochenendnächten passieren. 15 waren es in den beiden ersten Monaten des Jahres, ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 2009. Damals endete die Kombination aus Alkohol und Aggression an Wochenenden 18 Mal mit Handgreiflichkeiten.
"In diesen tatkritischen Zeiten haben wir schon seit 2008 einen zusätzlichen Streifenwagen im Einsatz, außerdem laufen vier Beamte Fußstreife zwischen Boulevard und Jahnplatz", sagt Borchardt. Trotzdem sieht er – auch losgelöst vom jüngsten Fall – noch Verbesserungspotenzial. Dazu will er demnächst den Kontakt zu Vertretern der Stadt, des Ordnungs- und Jugendamtes sowie Verantwortlichen des öffentlichen Nahverkehrs suchen. "Es geht darum, Feinheiten abzustimmen und Kräfte zu bündeln", sagt er.
Durch die Zusammenarbeit könnte künftig möglicherweise die Präsenz kurz vor den Abfahrtszeiten der Nachtbusse verstärkt werden. Borchardt: "Dann ist am Jahnplatz immer ordentlich was los." Hendrik Plath hätte diese Maßnahme nicht geholfen. Der Angriff auf ihn erfolgte zu einer untypisch frühen Zeit: gegen 22 Uhr.