Bielefeld. Bücher verbinden Generationen. Ein schöner Gedanke, doch steckt auch wirklich etwas dahinter? "Natürlich, durch die Schmöker habe ich ganz neue Leute kennengelernt", sagt Patricia Thiele. Die Schülerin ist eine von 50 Jugendlichen aus Bielefeld, die für das Projekt "Bücher schlagen Brücken"des Landes NRW in die VorleserRolle schlüpfte und ältere Menschen mit spannenden Geschichten in eine fremde Welt entführte.
Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren lasen den Bewohnern der Altenheime Caroline Oetker Stift, Carré am Niederwall und Kapellenbrink Geschichten vor. Bielefeld ist neben der Stadt Siegen Modellstadt für das Projekt. Im November 2009 ging es los.
Susanne Tatje, Demographiebeauftragte der Stadt, war Mitorganisatorin der Lesestunden, und hatte keinerlei Probleme, Schüler für das Projekt zu begeistern. "Eher das Gegenteil war der Fall. Wir hatten rund 120 Bewerber und mussten vielen leider absagen." Die ausgewählten Mädchen und Jungen von dem Gymnasien Helmhoz, Heepen, Am Waldhof und der Realschule Bosse ließen sich so einiges einfallen, um den Bewohnern interessante Stunden zu bereiten. Rätsel, Märchen, Gedichte - die Jugendlichen sorgten bei jedem Treffen für genügend Vielfalt.
Und es wurde durchaus auch blutrünstig. Patricia Thiele entführte ihre Zuhörer in die Welt der Vampire und las den älteren Frauen und Männern Passagen aus der "Biss-Reihe" von Stephenie Meyer vor. In der Geschichte verliebt sich eine junge Frau in einen Vampir. Recht spezielle Literatur - die aber beim Publikum ankam. "Ich musste ganze Kapitel durchlesen", berichtet Patricia Thiele. Andere ließen ihre Kreativität spielen. Benjamin Linnemann erfand eine Geschichte: Inspiriert vom langen Winter schrieb er eine Geschichte über eine Schneeflocke. Mittlerweile sind die Jugendlichen absolute Vorleseprofis, geholfen hat ihnen dabei eine Schulung der Stiftung Lesen. Die Inhalte des Seminars reichten von der richtigen Betonung der Sätze bis zur Literaturauswahl.
Das Vorlesen brachte die Generationen zusammen, doch entwickelte sich viel mehr daraus. "Wir haben viele spannende Gespräche geführt", sagt Schülerin Dilara Düsgün. Die Mädchen und Jungen stellten den Bewohnern viele Fragen über ihr Leben - spannende und auch traurige Geschichten kamen dabei ans Licht. "Einige erzählten vom Zweiten Weltkrieg, auch von ihrer Flucht. Das waren Geschichten, die ich nie vergessen werde", sagt Kristina Kemel. "Das ist viel interessanter als der Geschichtsunterricht in der Schule", ergänzt Dilara Düsgün.
Die Schüler ziehen nach sechs Monaten Lesestunde ein positives Fazit: "Wir haben viel Neues erfahren. Wie die Bewohner früher gelebt haben, wie das damals mit der Ausbildung war", sagt Benjamin Düsgün. Patricia Thiele bezeichnet die Bewohnerinnen mittlerweile als "ihre Freundinnen". Auch die Senioren genossen die Lesestunden. "Das Miteinander war schön. Das hat beiden Seiten gut getan", sagt Sonja Rathscheck, Bewohnerin im Caroline Oetker Stift.
Nun ist das Projekt vorerst abgeschlossen. Die Schüler erhielten im Caroline Oetker Stift eine Bescheinigung und Anstecknadel überreicht. Im Herbst geht es mit neuen Teilnehmern weiter. Für die zukünftigen Vorleser hat Sonja Rathscheck einen Tipp parat: "Es darf gern anspruchsvolle Literatur sein. Einige von uns können nicht mehr gut sehen, doch geistig sind wir noch fit."