Jugendliche klammern sich in Bielefeld an Züge / Täter stellen Video ins Internet
Bielefeld. Die Bilder sind verschwommen, ihr Inhalt aber überdeutlich: Aus bloßer Lust am Risiko klettern zwei Jugendliche auf die Kupplung am Ende einer Stadtbahn und fahren an den Scheibenwischer geklammert mit. Ein Komplize filmt das Duo aus dem Inneren der Bahn, anschließend stellt Benutzer "Spasti961" das Video mit den Namen Jerry, Lukas, Steven und Nico ins Internet – wo es seit dem 25. Mai mehr als 240 Mal angeschaut worden ist.
"Das ist lebensgefährlicher Schwachsinn", sagt Polizei-Pressesprecher Martin Schultz, als er von dem Video erfährt. Der Sachverhalt sei bisher nicht bekannt gewesen – Ermittlungen gebe es seines Wissens zur Zeit noch nicht. Obendrein tue man sich schwer bei der Einschätzung des Straftatbestands.
Eine persönliche Bewertung kann sich Schultz jedoch nicht verkneifen: "Wer solche Mutproben macht, ist jenseits von Gut und Böse." Stadtwerke-Pressesprecherin Stephanie Baseler ist ähnlich geschockt, jedoch etwas weniger überrascht. Seit allerneuestem sei das Thema Trainsurfing – so nennen die Akteure ihr lebensgefährliches Tun – bekannt, sagt sie. "Das ist eine absolute Horrorvorstellung, was da alles passieren kann", fügt sie hinzu. "Wer da in voller Fahrt herunterfällt, ist möglicherweise sein Leben lang geschädigt."
Anweisungen für Fahrer
Um das zu verhindern, wäge man jetzt die Möglichkeiten von baulichen Veränderungen an den Stadtbahnen ab. "Vielleicht wird der Scheibenwischer künftig so abgedeckt, dass man sich nicht mehr dort festhalten kann", sagt Baseler. "Abbauen können wir ihn schließlich nicht." Zusätzlich sollen angesichts der Vorkommnisse alle Stadtbahnfahrer Handlungsanweisungen erhalten, was im Falle illegaler Mitfahrer zu tun ist. "Das will wohl überlegt sein. In den Tunneln oder auf Strecken mit Nachbargleis ist es ja auch nicht damit getan, einfach anzuhalten", sagt Baseler.
Wenn die erschreckten Jugendlichen dann abspringen würden, könnten sie von nachfolgenden oder entgegenkommenden Bahnen erfasst werden. Um die Täter vor ihrem unreflektierten und verantwortungslosen Handeln zu schützen, setzt Baseler auf die Aufmerksamkeit aller Fahrgäste und Passanten. "Egal ob Mitfahrer oder Wartende an den Haltestellen – wer so etwas sieht, sollte sofort die Verkehrszentrale informieren, damit der Fahrer gewarnt werden kann." Dazu genüge ein Anruf unter Telefon (05 21) 51 43 11 oder (05 21) 51 43 12, sagt sie. Ein Gefahr der Nachahmung könne abschließend nur durch die Zivilcourage vieler verhindert werden.
"Einfach nur dämlich"
Die einzig gute Nachricht: Das Stimmungsbild der wenigen Nutzer-Kommentare zu dem 80-sekündigen Videoclip im Internet ist eher ablehnend. "An sich is’ da nix Cooles an dem, was ihr macht. Es ist einfach nur dämlich", schrieb ein Youtube-Nutzer, ein anderer interessiert sich einzig für den Hip-Hop-Song, der im Hintergrund läuft. "Wichtig ist, den Jugendlichen klar zu machen, das so etwas nicht cool ist", sagt Baseler.
Die Vergangenheit zeige, dass mangelnde Akzeptanz ein wirksames Gegenmittel sei. So habe es bei Einführung der unterirdischen Streckenabschnitte 1990 in Bielefeld schon einmal Fälle gegeben, in denen Jugendliche auf Kupplungen zwischen zwei Waggons kletterten und mitfuhren. Das sei zum Glück jedoch ziemlich schnell aus der Mode gekommen.
Anmerkung der Redaktion: Das Video ist mittlerweile nicht mehr bei YouTube verfügbar.