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21.06.2010
BIELEFELD
Schüler des Helmholtz-Gymnasiums fordern Hausverbot für Bundeswehr
Politikunterricht vom Jugendoffizier stößt auch in OWL auf Kritik und Widerstand
VON NICOLE HILLE-PRIEBE

Kriegsspiele in der Unterrichtszeit | FOTO: ALINA REICHARDT

Bielefeld. Seit mehr als 50 Jahren machen Jugendoffiziere in Schulen Werbung für die Bundeswehr. Das Bielefelder Helmholtz-Gymnasium gehört zu den ersten Schulen, deren Schülervertretung ein Hausverbot für die Bundeswehr fordert.

Als Siegfried Schiele Mitte der 1970er Jahre der Kragen platzte, war der Vietnamkrieg gerade vorbei. In Deutschland hatte die RAF damit begonnen, die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Land war geteilt, und auch die politische Didaktik hatte sich gespalten. "Die politische Bildung wurde damals von allen Seiten missbraucht, es hing vom Zufall ab, ob die Schülerinnen und Schüler bei der einen oder anderen Heilslehre landeten", sagt der ehemalige Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. "Es hat mich erregt, dass wir diese Verhältnisse hatten."

Auf Schieles Initiative hin trafen sich die zerstrittenen Wissenschaftler im Herbst 1976 in Beutelsbach zu einer Tagung, deren Ergebnis der "Beutelsbacher Konsens" war (siehe Kasten). Dass die vor mehr als 30 Jahren aufgestellten Regeln bis heute Gültigkeit haben, erfüllt den 74-Jährigen mit Stolz. Jüngstes Beispiel ist Mecklenburg-Vorpommern. Dort hat das Kabinett eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bundeswehr und Bildungsministerium vorläufig gestoppt und lässt missverständliche Stellen mit Passagen aus Beutelsbach überarbeiten.

Informationen zum Arbeitsalltag in Kasernen

In Nordrhein-Westfalen wurde die Kooperation zwischen Schule und Bundeswehr im Oktober 2008 hingegen intensiviert. Bei ihrem Unterrichtsbesuch sollen die Jugendoffiziere "Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einbeziehen", heißt es in einer von der scheidenden Schulministerin Barbara Sommer unterzeichneten Vereinbarung mit der Bundeswehr. NRW war Pionier, das Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zogen nach.

Kooperativ | FOTO: KÖLNMESSE

Bereits in ihrem Jahresbericht 2008 zeigten sich die Jugendoffiziere erfreut darüber, dass sie jetzt "teilweise in die Referendarausbildung eingebunden" sind. Sie haben "die Erlaubnis, ihre Weiterbildungsangebote auf den Bildungsservern der Länder zu platzieren, und dürfen Angebote zum Teil mit dem Adresskopf des entsprechenden Landesministeriums über die offiziellen Schulverteilerwege versenden". Zudem hätten die Jugendoffiziere die Möglichkeit, ihre Angebote bei den Schulleitern vorzustellen und ihnen Seminare in Berlin, Brüssel, Straßburg, Stettin oder Wien anzubieten, "die ein sehr breites und positives Echo finden".Während in Haupt-, Real- und Gesamtschulen vor allem ein Überblick über Aufgaben der Bundeswehr, Auslandseinsätze oder Informationen zum Arbeitsalltag in den Kasernen gefragt seien, gehe es in den Gymnasien eher um die Themen Terrorismus, ISAF-Einsatz oder Piraterie. "Für die Jugendoffiziere hat die Umstellung hin zum Zentralabitur Vorteile, da in einigen Bundesländern sicherheitspolitische Themen prüfungsrelevant geworden sind. Daher sind die Jugendoffiziere gern gesehene Vortragende in der Jahrgangsstufe 12."

Info

Der Beutelsbacher Konsens

Der Beutelsbacher Konsens legt die Minimalbedingungen für den Politikunterricht fest.
  • "Indoktrinationsverbot": Lehrende dürfen Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen. Sie sollen vielmehr in die Lage versetzt werden, sich mit Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung zu bilden.
  • "Kontroversitätsgebot": Der Lehrende muss ein Thema kontrovers und ausgewogen darstellen und diskutieren, wenn es in der Öffentlichkeit kontrovers erscheint.
  • "Schülerorientierung": Schüler sollen in die Lage versetzt werden, die politische Situation der Gesellschaft und ihre eigene Position zu analysieren und sich aktiv am politischen Prozess zu beteiligen. Sie sollen nach Mitteln und Wegen suchen, die politische Lage in ihrem eigenen Sinne zu beeinflussen. www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens.html


Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist es ein Unding, dass die Bundeswehr zunehmend Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Unterrichts und der Lehrerausbildung bekommt. "Die politische Bildung – auch in Fragen der Sicherheitspolitik – gehört in die Hand der dafür ausgebildeten pädagogischen Fachleute und nicht in die von Jugendoffizieren", heißt es in ihrem im März gefassten Beschluss. "Die verstärkten Aktivitäten fallen in eine Zeit, in der die Auslandseinsätze der Bundeswehr verfassungsrechtlich umstritten, politisch immer fragwürdiger und von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden." Gleichzeitig habe die Bundeswehr Nachwuchssorgen und junge Menschen hofften in der Wirtschaftskrise auf die Bundeswehr, so die Pädagogen.

Verschleierte "Information"

Auch Friedensinitiativen beobachten den verstärkten Einsatz der 94 hauptamtlichen und rund 300 nebenamtlichen Jugendoffiziere mit Sorge. Die katholische Organisation "Pax Christi" warnte bereits im September 2009 vor einer "Militarisierung an bundesdeutschen Schulen". In der Kritik steht auch das für Klassenverbände angebotene mehrtägige Simulationsspiel "POL&IS", in dem Deutschland und Japan vor dem Aus stehen, weil es keine Rohstoffe mehr gibt. Laut Verteidigungsministerium soll den Schülern "spielerisch" vermittelt werden, "warum Staaten Konflikte austragen" und "warum Ressourcenknappheit einen Staat ruinieren kann".

Was verschleiernd "Information" genannt werde, stehe nicht im Dienst einer kritischen Auseinandersetzung mit den komplexen Fragen von Gerechtigkeit und Frieden, stellte der Vorstand im Bistum Trier fest. "Die Rollenspiele um Rohstoffe sind kein Zufall, sondern Ausdruck der Entschlossenheit, wirtschaftliche und politische Ziele aggressiv durchzusetzen." Das Militär werde zur sichtbaren Faust für die "unsichtbare Hand" des Marktes, die immer mehr Menschen in die Katastrophe treibe.

Auch der Versöhnungsbund in Minden oder die Tübinger "Informationsstelle Militarisierung" gehören zu den frühen Kritikern der ideologischen Aufrüstung in den Schulen. Erleichtert verfolgen sie die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir legen Wert darauf, dass eine einseitige Darstellung des Afghanistan-Einsatzes durch dort eingesetzte Soldaten an den Schulen unterbleibt. Das soll auch im Text der Kooperationsvereinbarung deutlich werden. Wir wollen, dass der Beutelsbacher Konsens Grundlage bleibt – und da muss die Schule eine stärkere Rolle bekommen", sagt der stellvertretende Regierungssprecher Matthias Crone.Siegfried Schiele würde diese Forderung sofort unterschreiben. Zur aktuellen Diskussion sagt er: "Wenn ihre Rolle in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, muss dieBundeswehr auch in der Schule so behandelt werden. Dazu gehört es, mindestens zwei Positionen zu hören, sonst wird es problematisch." Schließlich sei auch das Recht auf Zivildienst im Grundgesetz festgeschrieben, "und wenn junge Menschen eine Gewissensentscheidung treffen sollen, brauchen sie unterschiedliche Meinungen". Schiele fordert, dass mit jedem Jugendoffizier auch ein Vertreter der "anderen Seite" eingeladen wird – am besten gleichzeitig.

Schulkonferenz muss sich mit Antrag auseinandersetzen

Damit hätte der Augustdorfer Jugendoffizier Thorsten Schüte kein Problem. In der Praxis kommt es jedoch kaum vor: "Ich mache auch Podiumsdiskussionen, aber die Verantwortung hat der Lehrer", sagt der 32-jährige Hauptmann. 135 "Einsätze" hat er 2009 an Schulen im Regierungsbezirk Detmold absolviert. "Die Reaktionen sind durchweg positiv. Wir bringen unsere eigenen Bilder und unseren Werdegang ein. Auf Fragen antworten wir ehrlich und authentisch." Großen Wert legt er auf die Arbeitsteilung in der Bundeswehr: "Wir sind nicht für das Anwerben zuständig. Dafür gibt es die Wehrdienstberater."

Geht es nach dem Willen der Schülervertreter (SV) des Bielefelder Helmholtz-Gymnasiums, wird Kamerad Schüte keinen Fuß in ihre Schule setzen. In Kürze muss sich die Schulkonferenz mit ihrem Antrag "Hausverbot für die Bundeswehr" auseinandersetzen.

Die SV reagiert auf einen Hinweis der Landesschülervertretung NRW, dass die Werbung der Bundeswehr an Schulen im Ermessen der Schulleitung liege. "Wir sind der Ansicht, dass der Wehrdienst die Existenz von Armeen fördert und militärische Auseinandersetzungen erst möglich macht", heißt es im Grundsatzprogramm der SV in NRW.

Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
Naja, wir verteidigen Deutschlands wirtschaftliche Interessen in Afghanistan.

/Ironie off

@ maik
stell dir vor würde man die bundeswehr abschaffen würden viel weniger manschen durch krieg und durch selbstmord sterben, denn die selbstmordrate in sogenannten "konfliktgebieten" ist 1,5 mal so hoch wie die dort im einsatz erschossenen soldaten. außerdem kostet jeder tote soldat den bund 3,2 millionen euro also: raus aus afghanistan und bundeswehr auflösen!
außerdem ist es sinnlos die bundeswehr in ein gebiet zus chicken mit dem wir überhaupt nichts zu tun haben, nur wei eine gewiise politische führerin den usa in (...) will! wir haben keine veranlassung die bundeswehr dort zu stationieren. im grundgesetz steht, dass die bundeswehr ausschließlich zur verteidigung dutschlands im kriegsfall ist. und verteidigen wir in afghanistan deutschland? NEIN! denn afghanistan liegt keinenfalls an der grenze von deutschland und wir werden auch nich angegriffen. dies ganze aktion it nichts weiter als ein versuch den amis (...)!
(...)

Es geht nicht darum, grundsätzlich gegen die Bundeswehr zu sein, ihre Aktivitäten oder ihren Existenz grundsätzlich zu verurteilen.
Es geht darum, dass unter dem Deckmantel des Politikunterrichts rekrutiert wird. (Vielleicht fahren bald wie in den USA auch schicke Limousinen vor, um die Jugendlichen gleich zum Rekrutierungsbüro zu fahren, bevor sie an die Front gehen)
Sicher können sich verschiedene Berufe oder Berufungen in der Schule vorstellen und für ihre jeweiligen Missionen offen "motivieren".
Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Rechtsanwälte, Entwicklungshelfer, Pastoren, Biologen und von mir aus auch Bundeswehroffiziere.
Aber was da momentan allem Anschein nach passiert, ist der Versuch massiver ideologisch gefärbter Einflussnahme. Skandalös.

Eigentlich mag ich "meine" NW, aber manchmal (...) mich die völlg undiffernenzierte Bericherstattung echt an. Frau Hille Priebe mag eine Pazifistin sein, aber das ist ihr Ding. Ich, als Leser, will objektiv informiert werden. Wenn die NW es für toll hält, verwöhnten, unreifen Bürgersöhnchen, die meinen, hier gegen die Bundeswehr stänkern zu müssen, ein Forum zu bieten, wird sie nicht mehr lange meine Zeitung bleiben. In Afghanistan sterben deutsche Soldaten, und in Bielefeld reißen ein paar Gymnasiasten (...)auf. Unglaublich!. Schon vergessen? Die Bundeswehr ist eine in unserer Verfassung verankerte Institution. Wollen diese Helmholtz-Schüler demnächst vielleicht auch Richtern Hausverbot erteilen, bloß weil sie etwas gegen unsere Justiz haben. Ich rege mich echt nicht schnell auf, aber wenn diese Schülerchen repräsentativ für die Jugend von heute sind, wird mir schlecht.

Das hier eine SV versucht sich aufzublähen und Widerstand zu leisten, gegen etwas, dass überhaupt keinen Widerstand bedarf, zeigt doch deutlich, welches Ansehen unsere Bundeswehr und damit unsere deutschen Soldaten im Ausland, in der Gesellschaft hat und haben. Ich finde es persönlich erbärmlich, dass dieser SV nichts besseres einfällt gegen das sie rebellieren können. Außerdem geb ich OWL-Schwabe vollkommen recht. Seine Ideen sind konstruktiv und umsetzungsfähig. Diese SV sollte geschlossen zurück treten!!!



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