Bielefeld. Seit mehr als 50 Jahren machen Jugendoffiziere in Schulen Werbung für die Bundeswehr. Das Bielefelder Helmholtz-Gymnasium gehört zu den ersten Schulen, deren Schülervertretung ein Hausverbot für die Bundeswehr fordert.
Als Siegfried Schiele Mitte der 1970er Jahre der Kragen platzte, war der Vietnamkrieg gerade vorbei. In Deutschland hatte die RAF damit begonnen, die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Land war geteilt, und auch die politische Didaktik hatte sich gespalten. "Die politische Bildung wurde damals von allen Seiten missbraucht, es hing vom Zufall ab, ob die Schülerinnen und Schüler bei der einen oder anderen Heilslehre landeten", sagt der ehemalige Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. "Es hat mich erregt, dass wir diese Verhältnisse hatten."
Auf Schieles Initiative hin trafen sich die zerstrittenen Wissenschaftler im Herbst 1976 in Beutelsbach zu einer Tagung, deren Ergebnis der "Beutelsbacher Konsens" war (siehe Kasten). Dass die vor mehr als 30 Jahren aufgestellten Regeln bis heute Gültigkeit haben, erfüllt den 74-Jährigen mit Stolz. Jüngstes Beispiel ist Mecklenburg-Vorpommern. Dort hat das Kabinett eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bundeswehr und Bildungsministerium vorläufig gestoppt und lässt missverständliche Stellen mit Passagen aus Beutelsbach überarbeiten.
Informationen zum Arbeitsalltag in Kasernen
In Nordrhein-Westfalen wurde die Kooperation zwischen Schule und Bundeswehr im Oktober 2008 hingegen intensiviert. Bei ihrem Unterrichtsbesuch sollen die Jugendoffiziere "Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einbeziehen", heißt es in einer von der scheidenden Schulministerin Barbara Sommer unterzeichneten Vereinbarung mit der Bundeswehr. NRW war Pionier, das Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zogen nach.
Kooperativ | FOTO: KÖLNMESSE
Bereits in ihrem Jahresbericht 2008 zeigten sich die Jugendoffiziere erfreut darüber, dass sie jetzt "teilweise in die Referendarausbildung eingebunden" sind. Sie haben "die Erlaubnis, ihre Weiterbildungsangebote auf den Bildungsservern der Länder zu platzieren, und dürfen Angebote zum Teil mit dem Adresskopf des entsprechenden Landesministeriums über die offiziellen Schulverteilerwege versenden". Zudem hätten die Jugendoffiziere die Möglichkeit, ihre Angebote bei den Schulleitern vorzustellen und ihnen Seminare in Berlin, Brüssel, Straßburg, Stettin oder Wien anzubieten, "die ein sehr breites und positives Echo finden".Während in Haupt-, Real- und Gesamtschulen vor allem ein Überblick über Aufgaben der Bundeswehr, Auslandseinsätze oder Informationen zum Arbeitsalltag in den Kasernen gefragt seien, gehe es in den Gymnasien eher um die Themen Terrorismus, ISAF-Einsatz oder Piraterie. "Für die Jugendoffiziere hat die Umstellung hin zum Zentralabitur Vorteile, da in einigen Bundesländern sicherheitspolitische Themen prüfungsrelevant geworden sind. Daher sind die Jugendoffiziere gern gesehene Vortragende in der Jahrgangsstufe 12."
Der Beutelsbacher Konsens
Der Beutelsbacher Konsens legt die Minimalbedingungen für den Politikunterricht fest.
- "Indoktrinationsverbot": Lehrende dürfen Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen. Sie sollen vielmehr in die Lage versetzt werden, sich mit Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung zu bilden.
- "Kontroversitätsgebot": Der Lehrende muss ein Thema kontrovers und ausgewogen darstellen und diskutieren, wenn es in der Öffentlichkeit kontrovers erscheint.
- "Schülerorientierung": Schüler sollen in die Lage versetzt werden, die politische Situation der Gesellschaft und ihre eigene Position zu analysieren und sich aktiv am politischen Prozess zu beteiligen. Sie sollen nach Mitteln und Wegen suchen, die politische Lage in ihrem eigenen Sinne zu beeinflussen. www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens.html
Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist es ein Unding, dass die Bundeswehr zunehmend Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Unterrichts und der Lehrerausbildung bekommt. "Die politische Bildung – auch in Fragen der Sicherheitspolitik – gehört in die Hand der dafür ausgebildeten pädagogischen Fachleute und nicht in die von Jugendoffizieren", heißt es in ihrem im März gefassten Beschluss. "Die verstärkten Aktivitäten fallen in eine Zeit, in der die Auslandseinsätze der Bundeswehr verfassungsrechtlich umstritten, politisch immer fragwürdiger und von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden." Gleichzeitig habe die Bundeswehr Nachwuchssorgen und junge Menschen hofften in der Wirtschaftskrise auf die Bundeswehr, so die Pädagogen.
Verschleierte "Information"
Auch Friedensinitiativen beobachten den verstärkten Einsatz der 94 hauptamtlichen und rund 300 nebenamtlichen Jugendoffiziere mit Sorge. Die katholische Organisation "Pax Christi" warnte bereits im September 2009 vor einer "Militarisierung an bundesdeutschen Schulen". In der Kritik steht auch das für Klassenverbände angebotene mehrtägige Simulationsspiel "POL&IS", in dem Deutschland und Japan vor dem Aus stehen, weil es keine Rohstoffe mehr gibt. Laut Verteidigungsministerium soll den Schülern "spielerisch" vermittelt werden, "warum Staaten Konflikte austragen" und "warum Ressourcenknappheit einen Staat ruinieren kann".
Was verschleiernd "Information" genannt werde, stehe nicht im Dienst einer kritischen Auseinandersetzung mit den komplexen Fragen von Gerechtigkeit und Frieden, stellte der Vorstand im Bistum Trier fest. "Die Rollenspiele um Rohstoffe sind kein Zufall, sondern Ausdruck der Entschlossenheit, wirtschaftliche und politische Ziele aggressiv durchzusetzen." Das Militär werde zur sichtbaren Faust für die "unsichtbare Hand" des Marktes, die immer mehr Menschen in die Katastrophe treibe.
Auch der Versöhnungsbund in Minden oder die Tübinger "Informationsstelle Militarisierung" gehören zu den frühen Kritikern der ideologischen Aufrüstung in den Schulen. Erleichtert verfolgen sie die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir legen Wert darauf, dass eine einseitige Darstellung des Afghanistan-Einsatzes durch dort eingesetzte Soldaten an den Schulen unterbleibt. Das soll auch im Text der Kooperationsvereinbarung deutlich werden. Wir wollen, dass der Beutelsbacher Konsens Grundlage bleibt – und da muss die Schule eine stärkere Rolle bekommen", sagt der stellvertretende Regierungssprecher Matthias Crone.Siegfried Schiele würde diese Forderung sofort unterschreiben. Zur aktuellen Diskussion sagt er: "Wenn ihre Rolle in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, muss dieBundeswehr auch in der Schule so behandelt werden. Dazu gehört es, mindestens zwei Positionen zu hören, sonst wird es problematisch." Schließlich sei auch das Recht auf Zivildienst im Grundgesetz festgeschrieben, "und wenn junge Menschen eine Gewissensentscheidung treffen sollen, brauchen sie unterschiedliche Meinungen". Schiele fordert, dass mit jedem Jugendoffizier auch ein Vertreter der "anderen Seite" eingeladen wird – am besten gleichzeitig.
Schulkonferenz muss sich mit Antrag auseinandersetzen
Damit hätte der Augustdorfer Jugendoffizier Thorsten Schüte kein Problem. In der Praxis kommt es jedoch kaum vor: "Ich mache auch Podiumsdiskussionen, aber die Verantwortung hat der Lehrer", sagt der 32-jährige Hauptmann. 135 "Einsätze" hat er 2009 an Schulen im Regierungsbezirk Detmold absolviert. "Die Reaktionen sind durchweg positiv. Wir bringen unsere eigenen Bilder und unseren Werdegang ein. Auf Fragen antworten wir ehrlich und authentisch." Großen Wert legt er auf die Arbeitsteilung in der Bundeswehr: "Wir sind nicht für das Anwerben zuständig. Dafür gibt es die Wehrdienstberater."
Geht es nach dem Willen der Schülervertreter (SV) des Bielefelder Helmholtz-Gymnasiums, wird Kamerad Schüte keinen Fuß in ihre Schule setzen. In Kürze muss sich die Schulkonferenz mit ihrem Antrag "Hausverbot für die Bundeswehr" auseinandersetzen.
Die SV reagiert auf einen Hinweis der Landesschülervertretung NRW, dass die Werbung der Bundeswehr an Schulen im Ermessen der Schulleitung liege. "Wir sind der Ansicht, dass der Wehrdienst die Existenz von Armeen fördert und militärische Auseinandersetzungen erst möglich macht", heißt es im Grundsatzprogramm der SV in NRW.
/Ironie off