Bielefeld. Sergej Pisarev kommt 1990 taub und fast blind auf die Welt. Ein Schock für seine Familie, die in Sibirien lebt. Er hätte sich damals wohl nicht träumen lassen, dass er 20 Jahre später in einer schicken Bielefelder Konditorei arbeiten und vor Stolz platzen würde – Sergej hat als einziger gehörloser Konditor-Azubi Deutschlands am Dienstag seine Gesellenprüfung vor der IHK bestanden.
"Als wir wussten, dass er bestanden hat, sind Sergej und ich uns in die Arme gefallen", sagt Knigge-Konditormeister Dominik Heuer. Heuers Herz hängt an dem sympathischen jungen Mann, der sich durch die Lehrzeit kämpfen musste. "Er hat uns mehr Zeit gekostet, als die anderen", sagt Sergejs Ausbilder. Weil Sergej kaum hören kann, hat Heuer vorgemacht und der Azubi hat nachgeahmt.
Dabei haben sie eine Sprache entwickelt, eine Mischung aus Gesten und Gespräch, die Außenstehende kaum verstehen. Was Heuer aus seinem Azubi rausgeholt hat, kann sich sehen lassen. Sergejs Gesellenstück besteht aus mehreren Teilen und dürfte das leckerste Bielefelds sein: Suppe, Eiergericht, Trüffelpralinen, Teegebäck und das Prunkstück, die Buttercreme-Torte. Ein Kunstwerk aus mehreren Schichten Nougat und Teig, mit Rum gefüllt und Buttercreme bestrichen. Handgemacht und so präzise gearbeitet, dass kein Kunde merken würde, dass hier ein Sehbehinderter am Werk war. "Im Gegenteil, seine Feinmotorik ist besonders ausgeprägt und er modelliert leidenschaftlich mit Marzipan."
Wie alle anderen auch hat Sergej Pisarev drei Jahre gelernt. Den Unterricht absolvierte er allerdings in Gebärdensprache in einer speziellen Schule in Essen. Doch bei der Prüfung gab es keinen Behinderten-Bonus. "Er hat alles drauf, was ein Konditor können muss", sagt Dominik Heuer. Er hat nur härter dafür arbeiten müssen. Sogar im Urlaub hat Sergej bei Knigge Torten kredenzt und geübt. Zum Leidwesen seiner Familie, bei der sich bald ein gewisser Tortenüberdruss einstellte. Klar, dass man so einen im Laden halten will. "Wir verhandeln gerade", sagt Heuer und Sergej lacht. Er wolle noch etwas anderes sehen, sagt er. Eine kleinere Konditorei als Knigge kennen lernen in der er dazulernen und noch mehr kreative Kreationen aus Teig schaffen kann. "Ich unterstütze ihn natürlich dabei", sagt Heuer und gibt sich selbstbewusst: "Der kommt eh bald wieder."
Sergej ist mit seiner Behinderung nicht allein in der Konditorei Knigge. Inhaber Wolfgang Windau beschäftigt drei Gehörlose. Eine Tradition, die vor 28 Jahren begann. Windau, der Dominik Heuers Schwiegervater ist, stellte einen gehörlosen Azubi ein. Stefan Schulte schafft die Prüfung, wird zum Freund der Familie arbeitet 24 Jahre lang bei Knigge – und erleidet 2007 plötzlich einen Schlaganfall. Dominik Heuer ist fassungslos, besucht seinen Freund am Krankenbett, weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. "Eine Woche vor seinem Tod habe ich versprochen, einen würdigen Nachfolger zu suchen", sagt Heuer. "Einen besseren als Sergej hätte ich nicht finden können."
Herr Heuer, super das Sie auch behinderte Ausbilden, wo doch viele schon mit Hauptschüler überfordert sind.