Bielefeld. Schwuler Regierender Bürgermeister in Berlin; Schwuler Erster Bürgermeister in Hamburg (noch); Schwuler Außenminister; Schwuler Oberbürgermeister in Bielefeld. Fakten, die suggerieren: Ob homo- oder heterosexuell – in Deutschland werden keine Unterschiede mehr gemacht. Gleichberechtigung verwirklicht. Stimmt aber nicht. Sagen die, die es wissen müssen. Deswegen demonstrieren Homosexuelle noch. In Bielefeld zogen jetzt 600 zum 15. Christopher-Street-Day durch die Stadt.
Perfekt ist die Lage für Schwule und Lesben im Land längst nicht. Immerhin: Es geht voran. Das dokumentierte der Bielefelder CSD deutlich. Erstmals gab es für die Veranstalter und Teilnehmer einen offiziellen Empfang im Rathaus mit Eintragung ins Stadtbuch und Hissen der Regenbogenflagge am offiziellen Fahnenmast der Stadt.
"Früher mussten wir den Sitzungssaal anmieten, um dann die Regenbogenflagge zum CSD inoffiziell an den Rathausbalkon hängen zu können", erzählt Klaus Rees von den Grünen. Das ist nicht mehr nötig, Mit Einzug des bekennenden Schwulen Pit Clausen (SPD) ins Oberbürgermeisteramt hat sich die Situation grundlegend geändert. "Wir sind anders, aber gleichwertig", rief Clausen ins Mikrofon vor dem Rathaus, "und wir haben ein Recht auf Respekt".
Dass es Respekt nicht immer und überall gibt, davon berichtet Peter Struck, Mitorganisator des CSD. Vor allem am Arbeitsplatz gebe es für Lesben und Schwule Diskriminierungen. "Bei der Caritas darf man zum Beispiel nicht offiziell einen Partner haben", sagt der Chef der Aids-Hilfe Bielefeld. Eine homosexuelle Lebenspartnerschaft sei ein Kündigungsgrund. Und weil Schwule und Lesben oft nicht den Erwartungshaltungen von Familie, Religion oder Arbeitgeber entsprechen, vertuschen viele ihre Neigung. "Man wundert sich, wie viele nicht fotografiert werden möchten", sagt Struck mit Blick auf den CSD-Zug. Die Veranstaltung soll daran etwas ändern – mit Wirkung nach innen und außen. Schwule und Lesben sollen sich trauen; Heterosexuelle sollen Ängste und Abneigungen überwinden. Das Motto: Leben ohne Maske.
Wie weit die Gesellschaft dieses Ansinnen unterstützt, zeigt auch eine Schnell-Umfrage unter Passanten, die den Demo-Zug der Schwulen und Lesben mit Musik von der Altstadt durch die Fußgängerzone bis zum Siegfriedplatz beobachten. "Ich finde das gut, sagt eine Touristin aus Hildesheim, rund 60 Jahre. "Die sollen sich nicht verstecken." Ihr Mann ergänzt: "Ich habe gerade ein sehr nettes Gespräch mit einem geführt."
Ein Familienvater, Mitte 30, meint: "Das ist okay, ich habe nichts dagegen. Sie sollen ruhig darauf aufmerksam machen, dass noch nicht alles gleich ist." Im Café sitzt eine Gruppe um die 40. "Homosexualität ist noch immer nicht selbstverständlich, da gibt es noch viel zu tun", sagt eine Frau. Alle nicken. Vor allem an den Arbeitsplätzen gebe es noch Probleme.
Zwei Mädchen, etwa 20 Jahre, hören dem CSD-Zug nach. "Gute Musik", sagen sie zum Disko-Beat aus den Boxen. Die sexuelle Neigung der Demonstranten ist ihnen egal. Generell sei das für sie kein Thema. "Das interessiert uns nicht."
Dass die Selbstverständlichkeit, als Homosexueller ohne Maske Leben zu können, noch nicht verwirklicht ist, verdeutlicht die Auffassung eines Herren, der im vorbeiziehenden CSD-Zug ein bekanntes Gesicht erspäht. "Mutig" nennt er die Person.