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31.07.2010
BIELEFELD
Sprachrohr der Arbeiterklasse
Sozialdemokratische Tageszeitung "Volkswacht" vor 120 Jahren gegründet
VON BERND J. WAGNER (STADTARCHIV BIELEFELD)

1912

Bielefeld. Das war damals etwas vollkommen Neues: Mit einem Paukenschlag erschien vor genau 120 Jahren - im Juli 1890 - mit der "Volkswacht" eine Tageszeitung, die in einem programmatischen Text keine Zweifel darüber aufkommen ließ, dass sie sich den Klassenkampf schlechthin auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Es war die Geburtsstunde der ersten sozialdemokratischen Tageszeitung in Bielefeld.

Und die Irritation in der bürgerlichen Schicht war groß, denn es herrschte das unter Reichskanzler Otto von Bismarck eingebrachte Sozialistengesetz noch vor, das die "gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" im Reich verhindern sollte. Das fristete 1890 aber wie ein zahnloser Tiger seine letzten Tage.

Dass eine sozialdemokratische Zeitung in Bielefeld gegründet werden konnte, lag vor allem an Gustav Slomke (1861 - 1939) und anderen, die Anteilsscheine zur Gründung der "Volkswacht" erworben hatten. Slomke fungierte bis August 1891 als Verleger. Nach der Aufhebung des Verbots der SPD beschloss im Sommer 1891 eine Parteiversammlung, die "Volkswacht" in Parteibesitz zu überführen. Die SPD gründete einen Verlag mit Druckerei und Buchhandlung, deren Gesellschafter Parteimitglieder waren.

Bis 1894 war Emil Groth für die Redaktion verantwortlich, davon saß er anderthalb Jahre im Gefängnis - angezeigt wegen übler Nachrede, Diffamierung und Beleidigung. Auch seine Nachfolger Bruno Schumann und Carl Hoffmann bekamen die Härte von Justiz und Polizei zu spüren.

Eine große Verbundenheit der Arbeiterschaft mit "ihrer" Zeitung zeichnete die Gründungsjahre der "Volkswacht" aus: Sie traf von Beginn an auf ein großes Echo. Die erste Ausgabe in Höhe von 15.000 Exemplaren war schnell vergriffen. In epischer Länge berichtete sie über Versammlungen der Berufsorganisationen, Gewerkschaften und der SPD, bezog Position "für die kleinen Leute", wenn die Stadtverordneten über die Zukunft Bielefelds debattierten. Sie war auch ein Sprachrohr der streikenden Arbeiter. So ließen sich im Januar 1905 Mitarbeiter der Volkswacht (darunter Carl Severing) gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Metallarbeitergewerkschaft und späteren Bürgermeister Josef Köllner von der Firma Lohmann inkognito als Streikbrecher anwerben, um anschließend darüber zu berichten.

Der Aufstieg der SPD zu einer Massenorganisation spiegelte sich in der "Volkswacht" wider. Auch Redakteure und Verleger saßen nun in den Parlamenten. Der bekannteste unter ihnen war Carl Severing, der 1907 in den Reichstag zog und in der Weimarer Republik Innenminister wurde. Bereits 1897 wurden in Bielefeld sechs sozialdemokratische Stadtverordnete gewählt, unter ihnen Carl Hoffmann und Albert Siggelkow von der Volkswacht. 1914 wurden Hoffmann und Karl Eilers, der von 1895 bis 1920 Gesellschafter war, zu den ersten sozialdemokratischen Stadträten im Bielefelder Magistrat ernannt. Der Aufstieg war auch an der Bielefelder Arndtstraße sichtbar: 1912 entstand dort ein prächtiges Gebäude für Redaktion, Druckerei und Buchhandlung der "Volkswacht".
Der Stil der Berichterstattung änderte sich mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten, der in Bielefeld mit der Wahl des NSDAP-Mitglieds Emil Irrgang im November 1930 zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung einen unrühmlichen Höhepunkt erlebte. Die "Volkswacht" entwickelte sich fortan zu einem Kampfblatt "gegen die braune Flut" und wurde ab Dezember 1931 zum Presseorgan der Eisernen Front, einem Zusammenschluss der Sozialdemokratie mit Gewerkschaften, dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" sowie Arbeitersport- und Arbeitergesangvereinen gegen den Nationalsozialismus. Die "Polemik spitzte sich zu" und der "klassenkämpferische Jargon" weitete sich aus, beschreibt Gerd Meier, ein Experte der ostwestfälischen Zeitungsgeschichte, die Veränderungen.Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 versuchte die "Volkswacht", noch einmal die Massen gegen die Diktatur zu mobilisieren. 8.000 Menschen nahmen Anfang Februar an einer Großkundgebung teil. Es war ein letztes Aufbäumen: Vom 23. bis 25. Februar 1933 wurde über die Zeitung "ein befristetes Verbot" verhängt, weil am 31. Januar ein Plakat abgebildet war, das als "eine böswillige Verächtlichmachung eines leitenden Beamten des Staates" angesehen wurde. Das Plakat zielte auf die Notverordnung und enthielt den Text "Unser tägliches Brot nimmt uns Herr v. Papen".

Am 27. Februar erschien die letzte Ausgabe der "Volkswacht". "Bielefeld ist rot und bleibt rot!" war zu lesen. Und: "Ihr könnt das Wort verbieten, ihr tötet nicht den Geist." Was dann folgte, waren Verhaftungen, Flucht ins ausländische Exil oder innere Immigration. Gebäude und Betriebsvermögen der "Volkswacht" wurden am 2. Mai 1933 beschlagnahmt, als am Tag nach dem "Tag der nationalen Arbeit" die freien Gewerkschaften zerschlagen wurden.

Nach Zweitem Weltkrieg und Naziterror setzte ab 3. April 1946 die Freie Presse die Tradition der Volkswacht fort. Chefredakteur wurde Carl Severing, Verleger war Emil Groß. Zum 1. Juli 1967 vollzogen Freie Presse und Westfälische Zeitung die Fusion zur Neuen Westfälischen.

www.stadtarchiv-bielefeld.de


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