Bielefeld. Das erste Gespräch mit dem Leiter der Bielefelder Kunsthalle hatte der neue städtische Kulturdezernent sich anders vorgestellt. "Dr. Thomas Kellein hat mich am Montag angerufen und mitgeteilt, dass er zur Chinati-Stiftung nach Texas gehen möchte", bestätigte Dr. Udo Witthaus gestern. Witthaus ist seit sechs Wochen im Amt. "Die Kunsthalle hat einen exzellenten Ruf", sagt er. "Ich hatte mich auf die Zusammenarbeit mit Kellein gefreut."
Witthaus wird die Stadt stellvertretend für Oberbürgermeister Pit Clausen im 13-köpfigen Aufsichtsrat der Gemeinnützigen Betriebsgesellschaft vertreten. Seit 1999 führt die Stadt die Kunsthalle gemeinsam mit der Sparkasse und dem Verein Pro Bielefeld. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Gerd Kranzmann, SPD-Ratsmitglied und Leiter des Helmholtzgymnasiums. Der 55-jährige Kunsthistoriker Kellein ist künstlerischer Leiter und als solcher Angestellter der Stadt. Kaufmännischer Geschäftsführer ist Bernd Engelbrecht von der Sparkasse.
Über das Verfahren, wie die Nachfolger von Kellein geregelt wird, soll in einer Aufsichtsratssitzung in drei Wochen gesprochen werden. Kranzmann geht davon aus, dass die drei Eigentümer gemeinsam mit dem seit 1982 bestehenden Förderkreis der Kunsthalle eine Findungskommission berufen werden.
Kellein wurde 1996 in Bielefeld Nachfolger von Dr. Ulrich Weisner († 1994). Der gebürtige Nürnberger, der in Hannover sein Abitur gemacht hatte, war zuvor vom Basler Kunstverein nach längerem Streit als Direktor der dortigen Kunsthalle gekündigt worden. Die Basler Zeitung schrieb in einer Würdigung dennoch von einer "Ära": "Diese unbequeme Mischung aus Kunstskepsis und Kunstverfallenheit, sie ist in Basel fremd geblieben." Kellein hatte Donald Judd († 1994), für dessen Vermächtnis er jetzt als Direktor des Chinati-Stiftung tätig werden wird, noch persönlich kennen gelernt. Er wird seinen länger datierten Vertrag in Bielefeld vorzeitig beenden dürfen und die neue Stelle Anfang Januar 2011 antreten.
Die Chinati-Stiftung ist auf einer ehemaligen Militärbasis im Örtchen Marfa, gut 2.100 Einwohner, am westlichen Rand des US-Bundesstaates Texas unweit der mexikanischen Grenze in der Chihuahuan-Wüste ansässig, wo Judd seit 1972 lebte und arbeitete. Sie wurde bisher von Marianne Stockebrand geleitet, frühere Geschäftsführerin des Westfälischen Kunstvereins und Lebensgefährtin von Judd. Die Entscheidung in der Stiftungsleitung für den Bielefelder soll einstimmig erfolgt sein.
Kellein wird sich mit zwei Ausstellungen aus der Kunsthalle verabschieden. Ab 4. November wird zunächst in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn ein Jahrhundert Kunstsammlung in Bielefeld, vom Expressionismus bis heute gezeigt. Die Präsentation aus den eigenen Beständen wird ab 19. Juni 2011 in Bielefeld zu sehen sein. Am 13. März 2011 wird Kellein den zweiten Teil der Sammlung Bischofsberger ("The 80s Revisited") eröffnen.
Die Kunsthalle verfügt seit 1996 über keinen eigenen Ankaufsetat. In einer früheren Veröffentlichung hatte Kellein "die amerikanisch anmutende Mäzenatenkultur der Bielefelder" gelobt, "die besonders an einem Haus wie der Kunsthalle deutlich wird." Die Stadt zahlt einen Betriebskostenzuschuss von 2,499 Millionen Euro pro Jahr. ¦ Kultur