Bielefeld. Premiere im negativen Sinn für den Zirkus Krone in Bielefeld. Zum ersten Mal habe eine Stadt Freikarten abgelehnt, die der Zirkus an jedem Gastspielort für finanziell Bedürftige bereitstellt, sagt Krone-Sprecher Frank Keller. 1.100 Karten für Sozialbetreute, Heimkinder und Arme hatte Krone dem Oberbürgermeister angeboten.
Das Päckchen mit den Karten hat Pit Clausen umgehend zurücksenden lassen – nebst Ehrenkarten für ihn selbst. Man sehe keine Möglichkeit einer "wirklich gerechten Verteilung" steht im Begleitschreiben der Stadt an den Zirkus.
"Das wäre ein Riesenaufwand", sagt Stadtsprecherin Gisela Bockermann. Außerdem sei nicht klar, wie man genau die 1.100 Bürger identifizieren solle, die die Karten verdienten.
"Wichtig ist auch die Tatsache, dass wir Genehmigungsbehörde für den Zirkus sind. Wir vermieten den Platz, wir kontrollieren die Tierhaltung, stehen in einer Geschäftsbeziehung." Kurz: Es gebe zu viele Verflechtungen. Stichwort Korruption: Deren Bekämpfung steht seit Oktober 2009 oben auf der Agenda der Verwaltung, seinerzeit trat sogar ein Korruptionsbeauftragter seinen Dienst bei der Stadt an. "Da schauen wir schon genau hin", sagt Bockermann. "Und diese Karten sind ein Geschenk des Zirkusses an uns."
Gegen die Korruption
Seit Oktober 2009 wird in der Bielefelder Verwaltung ein modernes Anti-Korruptionskonzept ausgeführt. Es soll den Missbrauch einer Vertrauensstellung in einer Funktion in der Verwaltung verhindern. Es verbietet die Annahme von Geschenken.
Keine Angst vor Geschenken haben Städte wie Hamm oder Herford, die die Karten angenommen haben. Doch auch hier geriet die Spende zu einer komplizierten Aufgabe. Die Frage der gerechten Verteilung lösten die Herforder, indem sie Institutionen angesprochen haben, von denen sie annahmen, dass es dort Bedürftigkeit gibt. "Viel Arbeit" sei das gewesen, sagt Stadtsprecher René Schilling.
Arbeit, die Bielefeld vermeiden möchte. Arbeit, die Bielefeld sich seit Jahren nicht machen möchte. Bockermann: "Auch der ehemalige Oberbürgermeister Eberhard David hat keine Sozialkarten von Zirkussen angenommen." Das bestreitet Zirkus-Sprecher Frank Keller: "Zum ersten Mal in unserer Geschichte sind die Karten abgelehnt worden. Und wir verstehen die Welt nicht mehr."
Ginge es nach der Stadt Bielefeld, würde der Zirkus selbst zusehen, dass er die Karten loswird. "Die kann man doch gegen Vorlage des Bielefeld-Passes an der Zirkuskasse abgeben", schlägt Bockermann vor. "Andere Unternehmen managen diese Dinge auch selbst." "Ein Unding", findet Frank Keller. "Das geht nicht. Was sollen diejenigen sagen, die den vollen Preis bezahlen, wenn sie sehen, dass wir nebenan die Karten verschenken?"
Leidtragende der Auseinandersetzung sind in erster Linie bedürftige Familien, die sich Zirkuskarten nicht leisten können. Gisela Bockermann sagt, es sei der Stadt wichtig, dass die Karten den Bedürftigen zukommen: "Wir können das aber nicht leisten."