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03.09.2010
BIELEFELD
Kampf gegen Hass und Drogen
Piet Schuin wird nach 30 Jahren als Chef der Drogenberatung verabschiedet
VON JENS REICHENBACH

Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter | FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Seinen größten Bekanntheitsgrad erreichte der in Amsterdam geborene Soziologe Piet Schuin, als man ihm und Michael Wiese als Chefs der Drogenberatung Bielefeld vorwarf, mit ihrem liberalen Drogenkonzept Dealerei und Prostitution zu fördern: der sogenannte "Kruse-Prozess".

Es war der unrühmliche Höhepunkt eines scheinbar endlosen Kampfes gegen Vorurteile und sprichwörtliche Windmühlen. Trotzdem hat Schuins Verein die Hilfe für Drogenabhängige in Bielefeld mehr geprägt als sonst irgendjemand. Heute wird er vor 200 Gästen feierlich in die Passivphase der Altersteilzeit verabschiedet.

Dabei war der junge holländische Soziologie-Student 1974 gar nicht als Drogenexperte von Groningen nach Bielefeld gekommen. "Mein Schwerpunkt war Ethno-Methodologie und das konnte ich nur in Bielefeld oder den USA weiterstudieren."Kaum aber war er hier angekommen, wurde der Soziologie-Teilbereich an der Uni abgeschafft. "Mein Studienberater hat mir daraufhin zur Soziologie der sozialen Arbeit geraten. ,Ein Super-Schwerpunkt‘ hatte er gesagt." Der 60-Jährige erinnert sich genau an diese Worte.

Während Schuins holländische Wohngemeinschaft in der Uni-Szene gewisse Berühmtheit erlangte ("Wir standen als Pannekoek-WG sogar im Telefonbuch"), war er unter dem anerkannten Soziologen Franz Xaver Kaufmann an Forschungen zur Drogenberatung beteiligt. Davon kam er auch nach dem Diplom nicht mehr los. Schuin wurde 1980 direkt Geschäftsführer der Drogenberatung – heute bezeichnet er sich als "Verwaltungsheini" des Vereins.

Das lustige Studentenleben war damit vorbei. Denn der Widerstand gegen Drogenprojekte und die Abhängigen sei 1980 noch deutlich brutaler gewesen als heute: "Wir galten immer als merkwürdig. Man hat uns vorgeworfen, selbst zu kiffen oder mit Drogen zu dealen." Aber am schlimmsten seien der Hass gegen Abhängige gewesen. Nicht wenige hatten damals Ausgrenzung wie in der Nazizeit gefordert. Heute sei das anders: "Die singen zuerst Lobeshymnen, betonen die Wichtigkeit unserer Arbeit und dann kommt das große Aber: Bitte nicht bei mir vor der Haustür." Die Sorge vor Drogenabhängigkeit könne er verstehen, den Hass gegen die Menschen nicht.

Auch die Durchsetzung der Methadon-Therapie in Bielefeld Ende der 1980er sei sehr hart gewesen – Guttempler und Bethel hatten viel Widerstand geleistet ("gemeine Vorwürfe"). Bethel hat bekanntlich seine Einstellung zu dem Thema inzwischen komplett revidiert.

"Das ist typisch deutsch", erklärt der eloquente Holländer, der vier Sprachen spricht und ein exzellenter Segler sein soll. "Hier greift man nie auf Erfahrungen aus dem Ausland zurück. In Deutschland müssen erst eigene Forschungen die Effektivität eines Weges belegen."

Auf die Frage, ob Schuin Überzeugungstäter sei, antwortet er: "nicht missionarisch". Aber: "Ich glaube, dass es so etwas wie Menschenwürde gibt. Davon darf man nicht abrücken, nur weil jemand abhängig ist."

Thomas Niekamp von der Stadt bedauert Schuins Weggang: "Er ist kenntnisreich und fair. Andere Träger machen alles, um neue Fördergelder zu kassieren. Schuin hat Projekte auch begraben, wenn sie keinen Vorteil für seine Klienten brachten."

"Umso perverser", so Heinrich Haubrock, der 2003 im Kruse-Prozess zusammen mit Schuin auf der Anklagebank saß (siehe Kasten), die Vorwürfe gegen den Holländer. "Schuin wollte engagiert Missstände in der Gesellschaft verändern." Dabei habe er seine Meinung immer hinterfragt, sich auch von anderen überzeugen lassen.

Der langwierige Prozess hatte Schuin schwer zu schaffen gemacht: "Danach war meine Spannung, mein Elan nicht mehr da. Bielefeld hatte in der Drogenpolitik lange Zeit die Nase vorn. Seit dem Prozess halten hier lieber alle den Ball flach." Einer der Gründe für Schuins frühen Abgang.

Trotzdem ist der 60-Jährige mit dem anarchistischen Humor heute froh über seine 30 Jahre bei der Drogenberatung und das enorm breit gefächerte Angebot seines Vereins. Das Wort "Stolz" kommt ihm nur zögerlich über die Lippen: "Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter, sie haben das ermöglicht." Freund und Kollege Michael Wiese bestätigt: "Er ist kein Basta-Chef. Er hatte die Größe andere neben sich wachsen zu lassen."


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