In Zeiten, in denen es ständig um Image, um Marken geht, müssen die, die tatsächlich eine großartige Marke aufgebaut haben, diesen Schatz besonders schützen.
Bethel ist eine Top-Marke, vielleicht eine der besten in Bielefeld. Über mehr als 100 Jahre aufgebaut strahlt der Glanz der Marke Bethel hell - zu erkennen an Spendenaktionen, die den von-Bodelschwinghschen-Stiftungen massenhaft Geld für die gute Arbeit ins Portmonee spülen.
Ein Teil der Marke Bethel ist auch das Evangelische Krankenhaus Bielefeld, das EvKB. Tausende Arbeitsplätze stehen dahinter, tausende Menschen identifizierten sich hier lange mit der Arbeit und dem Arbeitgeber. Tausende Bielefelder haben in Gilead das Licht der Welt erblickt, tausende sind geheilt worden von schweren Krankheiten.
Es gehört sich nicht, Bethel zu kritisieren
Das Krankenhaus, seit 2007 von Sanierer Heiner Meyer zu Lösebeck straff an eine sehr kurze Leine genommen, ist seit Jahren in der Kritik. Typisch Bethel: Es braucht unheimlich lange, bis sich wirklich mal jemand öffentlich kritisch äußert. Es bleibt hier gerne viel in der Familie; es gehört sich nicht, Bethel zu kritisieren.
Doch nun ist der Damm gebrochen. Auszubildende melden sich, riskieren ihren Job, sagen Sätze wie diesen: "Ich bin mir sicher, dass jeder Tierpfleger in Olderdissen mehr Zeit für die Tiere hat als wir hier für die Menschen." Sie weinen am Telefon.
Andere weinen, weil sie sich nun am Arbeitsplatz von Angehörigen gemobbt fühlen - Pfleger fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es ist ein Spagat: Einerseits bitten nicht nur Patienten, sondern auch Pfleger, die unhaltbaren Zustände nach draußen zu tragen - und bedanken sich persönlich bei ihrer Tageszeitung, wenn die Kritik dargestellt wird. Andererseits leiden sie nun noch mehr - weil sie sich persönlich herabgesetzt fühlen, weil sie auf der Station noch mehr Druck bekommen. Kurz: Der Deckel ist in Bethel vom brodelnden Topf geflogen.
Das Millionen-Minus in ein Millionen-Plus gewandelt
Es ist wie so oft: Der Sanierer hat die Schrauben angezogen und überdreht, hat nur auf die Zahlen geblickt, das Millionen-Minus in ein Millionen-Plus gewandelt - kurz, seinen knallharten Auftrag erledigt. Das war auch nötig, will das EvKB in den kommenden Jahren investieren können in einen Standard, der das Haus schmückt.
Doch muss ein Sanierer auch immer das große Ganze im Blick haben. In Bethel gilt dieser Blick immer dem Menschen - mehr, als das woanders der Fall ist. Diesen Blick hat der Sanierer nicht geschärft. Schlimme Lösebeck-Zitate werden von Mitarbeitern kolportiert, bei einer Betriebsversammlung soll er gesagt haben: "Von Pflege habe ich keine Ahnung, aber das Sanieren macht mir Spaß."
Fakt ist: Er hat das EvKB saniert. Aber um welchen Preis? Menschen, die Jahrzehnte an Bethel spendeten, wenden sich empört ab. Patienten wollen nie wieder ins EvKB - sie berichten aus anderen Häusern auch nichts Rosarotes, aber von deutlich besseren Zuständen.
Mitarbeiter sind fassungslos
Mitarbeiter sind überall in Bethel fassungslos. Die Marke gerät ins Trudeln. Der gute Ruf ist beschädigt. Die Folgen könnten für Bethel weit gravierender sein als ein geringerer Gewinn des EvKB. Dieser Blick aber wäre ein langfristiger - und den gönnen sich Sanierer nur selten. Bethel-Vorstände aber sollten ihn haben.
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Seit Jahren stellen sich die Mitarbeiter die Frage, wie im EvKB der Begriff Mitarbeiterfürsorge verstanden wird.
Täglich müssen PPR-Bögen dokumentiert werden, d.h.: die Einteilung eines jeden Patienten in seinen Pflegeaufwand, sowohl in der Grund- wie in der Behandlungspflege.
PPR= Unterstützung der Personalbedarfsermittlung für den Pflegedienst
Datenerhebung für die Kostenträgerrechnung oder DRG-Nachkalkulation nach InEK
Flexible Auswertung der PPR-Minuten inkl. Pflegestufe 4
Es sollte helfen den genauen Personalbedarf für die jeweilige Station zu ermitteln. Dummerweise kam heraus, dass der Bedarf viel höher lag als der Ist-Zustand. Da aber Personalkosten den größten, finanziellen Faktor eines Krankenhauses darstellen und das EvKB in der Sanierungsphase war, ignorierte man einfach das Ergebnis, nein, man reduzierte das Personal weiter. Mitarbeiter sind einfach nur ein "Kostenfaktor", den es zu verringern galt und gilt.
Das zum Punkt "Wertschätzung" seiner Mitarbeiter. Wie aber lässt sich das mit dem Leitbild von Bethel vereinbaren?
Mitarbeiter, die gekündigt hatten, wurden nicht ersetzt und selbst Langzeitkranke, für die das EvKB finanziell nicht mehr verantwortlich war, wurden nicht ersetzt. Das in den Zeitungen erbrachte Argument, so schnell komme man nicht an qualifiziertes Personal, lasse ich nicht gelten. Warum hat man nicht die eigens ausgebildeten Mitarbeiter/innen nach dem Examen übernommen? Es wären gerne einige geblieben, aber es gab maximal mündliche Zusagen.
Seit Jahren wird man in Bethel "verheizt". Nicht umsonst ist die Zahl der Langzeiterkrankungen exorbitat gestiegen. Hätte man die Personaldecke nicht bis aufs Minimum reduziert, würden auch keine Engpässe durch Erkrankungen entstehen. Heute aber ist schon mit dem ganz normalen Dienstplan das Chaos vorprogrammiert, weil die Schichten im Vorfeld schon nicht qualitativ abgedeckt sind.
Der minimale Personalaufwand führt auch seit Jahren dazu, dass man als 3-jährig Examinierte, als Verantwortliche der Schicht, an vielen Tagen keine Pause, erst recht nicht ausserhalb der Station machen kann.
Nach der Unterschriftensammlung Anfang des Jahres fanden Gespräche der einzelnen Abteilungen mit Herrn Meyer zu Lösebeck statt, in denen die vorhandenen Missstände erläutert werden sollten. Jede Abteilung berichtete von ihren ganz eigenen, speziellen Problemen, die durch die permanente Unterbesetzung vorlagen. Das Wort "Gefahrenpflege" war dabei bei allen vorrangig.
Ich frage mich dann heute, warum benötigen wir eine externe Begutachtung der Pflegesituation, die nur wieder viel Geld kostet, was aber für Personalkosten nicht da ist. Hat man uns in den Gesprächen nicht ernst genommen (oder vielleicht sogar teilweise geschlafen), sind wir, die an der Basis, die Betroffenen, nicht vertrauensselig, nicht kompetent genug, die Pflegesituation zu beurteilen?
Wer ist das, der/die da über die Stationen geht, die Pflegesituation beurteilt? Ist das jemand, der/die mal in der Pflege gearbeitet hat? Wie viele Stunden oder Tage begleitet er/sie die Stationsarbeit?
Oder ist das ein Unternehmensberater, der beurteilen soll, wie effizient gearbeitet wird und der womöglich noch mit guten Vorschlägen kommt, wie man mit noch weniger Personal arbeiten kann, wenn man nur effizient arbeitet.
Der in einem Artikel erwähnte "Springer Pool" ist auch schon seit Jahren im Gespräch, aber auch da wusste man nicht, wie man das organisieren soll, ohne Geld bezahlen zu müssen. Man versuchte es dann mit einer Rufbereitschaft, die in der eingeführten Form gesetzlich überhaupt nicht tragbar war und das, ohne vorherige Information und als Zusatzleistung der eh schon vorhandenen, gebeutelten Pflegekräfte. Die dabei anfallenden Stunden waren von Anfang an als Überstunden geplant – anders ging es ja auch bei der knappen Personaldecke gar nicht.
Und wenn bei all dem (bis zu 300 Überstunden bei einer Vollzeitkraft) auch noch der Satz fällt:
"Offenbar sei die Phase der Sanierung für die Mitarbeiter eine grosse Kraftanstrengung gewesen und dass so manch einer an sei Grenzen gestoßen sei", dann kann man doch einfach nur noch kotzen!!!
Was muss die Welt doch schön sein, in der die Verantwortlichen leben – eine Parallelwelt wahrscheinlich – die des Pflegepersonals ist es auf jeden Fall nicht.