Bielefeld. 6.500 Bürger aller Altersschichten haben sich Heiligabend in Bielefeld knapp 70 Neonazis entgegengestellt. Bis auf kleinere Zwischenfälle verliefen die Demonstrationen an unterschiedlichen Stellen innerhalb der Stadt weitgehend friedlich.
Zahlreiche Polizeibeamte mussten die Neonazis schützen. Als die zumeist schwarz gekleideten Gestalten gegen 12.20 Uhr am Ostbahnhof eintrafen, wurden sie dort von einem gellenden Pfeifkonzert und lauten "Nazis-Raus-Rufen" empfangen. Mehrere hundert Gegendemonstranten hatten sich hier hinter den von der Polizei aufgestellten Absperrgittern in strömendem Regen versammelt, um den knapp 70 Rechtsextremisten, die nach Staatschutz-Informationen zumeist aus dem Rheinland angereist waren, eine klare Absage zu erteilen.
Der Neonazi Sven Skoda versuchte seine zumeist unter Kapuzen und hinter Sonnenbrillen versteckten "Kameraden" über ein Mikrophon zu motivieren, der bekannte Mindener Neonazi Marcus Winter lief als Weihnachtsmann verkleidet durch die Reihen. Die "nationale Opposition" schläft nicht", sagte Skoda. Man werde "nicht länger ruhen, bis diese Republik auf dem Abfallhaufen" liege und "durch etwas Lebendiges ersetzt" werde.
Als seien sie auf dem Weg zur eigenen Beerdigung
Anschließend marschierten die Neonazis allerdings, als seien sie mit ihren schwarzen Fahnen auf dem Weg zu ihrer eigenen Beerdigung. Anwohner blickten verängstigt hinter Fensterscheiben, etliche ballten aber auch die Faust gegen den braunen Mob.
Nach wenigen Metern mussten die Neonazis unter einer Eisenbahnbrücke in Deckung gehen. An der Kreuzung Trachtenweg/Heeper Straße war es einigen Links-Autonomen gelungen, auf die Eisenbahnbrücke zu klettern und von dort mit Steinen zu werfen. Es kam zu einigen Rangeleien, dann hatte die Polizei die Lage wieder im Griff. Wie durch ein Wunder wurde bei diesen gefährlichen Angriffen niemand verletzt.
Nach dem erzwungenen Zwischenstopp setzten die Neonazis ihren Marsch fort, um auf der Heeper Straße etwa 150 Meter vor dem AJZ eine Kundgebung abzuhalten. Auch hier hatten die Rechten allerdings keine Chance, Eindruck zu machen. Denn am AJZ stand zur Überraschung der Polizei eine sehr große Menschenmenge. Die Zahl der Demonstrationsteilnehmer dort wurde auf rund 4.000 Personen geschätzt.
Einsatz von Reizgas
Auch am AJZ war es kurz zuvor zu einem Zwischenfall gekommen, als etwa 30 Linksautonome die Polizeiabsperrungen kurzzeitig durchbrachen. Unter Einsatz von Reizgas wurden sie aber schnell zurückgedrängt, es kam zu vier vorläufigen Festnahmen.
Auf dem Rückmarsch der Neonazis blieb alles friedlich. Eskortiert von Bundespolizisten stiegen sie um kurz nach 15 Uhr in einen Zug nach Düsseldorf. Der Spuk war beendet.
Ignazio Silone - Schriftsteller und Sozialist