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05.01.2012
BIELEFELD
Zu Besuch im Todesrad
SERIE: EIN TAG ALS . . . Artistin beim Zirkus Eigenart in Bielefeld
VON ARIANE MÖNIKES

In Schieflage geraten | FOTO: ZOBE

Bielefeld. Ich schwitze, mir wird flau im Magen. Jetzt bloß nicht nach unten schauen, dann ist alles vorbei. Ich werde schneller, laufe wie ein Hamster. Todesrad nennt sich diese Nummer im Zirkus Eigenart. Schreien hilft hier nicht, friss oder stirb lautet die Devise. Einen Tag lang bin ich Artistin.

20 Mal so schnell dreht sich das Todesrad, wenn nicht ich, sondern Routinier Victor Izaza darin seine Kilometer runterspult. Seine Haltung ist graziler, ich verkrampfe vor Angst. Er verzieht keine Miene, ich bin wahrscheinlich schon leichenblass. Acht Meter hänge ich jetzt über dem Boden, meine Hände sind pitschnass. Es geht runter, vorwärts. Hoffentlich hält die Sicherung.

Frank heißt nicht nur mit Nachnamen Kraft. Der Zwei-Meter-Mann hat auch ordentlich Muckis. Er bringt mich in Schieflage, hält mich an den Hüften. Eine Basisübung soll das sein, für mich ist das schon großer Sport.

Krischan umfasst meine Fesseln, das Duo hat mich jetzt fest im Griff. "Und immer schön die Körperspannung halten." Ich versuch’s, aber meine Arme zittern schon. Mir geht die Puste aus. Sieht einfach aus, ist es aber nicht. Nach 30 Sekunden habe ich wieder Boden unter den Füßen. Fühlt sich besser an.

In der Show ist Krischan der Partner von Frank. Seit vier Jahren arbeiten sie zusammen, beide haben in Berlin eine Ausbildung zum Bühnenakrobaten gemacht. Frank, 36, tätowiert und im Muskelshirt, war vorher Feuerspucker, tourte quer durch Europa. Aber irgendwann war die Luft raus. Heute jongliert er mit Büchern oder trägt Krischan auf seinen Schultern durch die Manege.

Jetzt soll ich da hoch, mit meinen Quadratlatschen auf seine Körperbemalung. Krischan macht es vor, dann bin ich dran. Tut überhaupt nicht weh, sagt Frank. Ich bin da skeptisch, aber er scheint abgehärtet zu sein.

So wie Joe Alexander, 40, der Robin Hood aus dem Zirkus Eigenart. Statt Hut mit Fähnchen trägt er Glatze, das sieht böse aus. Entweder schießt er oder Marko Milutinovic, sein Partner. Der andere fängt. Immer im Wechsel, jeder kommt beim Training zum Zug. Wenn Joe der stumpfe Pfeil trifft, ist seine Hand manchmal taub. Das sei so, als würde jemand mit einem Hammer "richtig feste" draufhauen. Joe geht dann raus, sucht sich einen Laternenpfahl an der Radrennbahn und kühlt die Hand. Irgendwann kann er dann wieder fühlen.

Wir schießen uns langsam ein, Joe wirft, ich fange. Er wird schneller, ich auch. Übung macht eben doch den Meister. Die Pfeile sind tatsächlich stumpf, ich überprüfe alle. "Die Leute wollen kein Blut sehen", sagt Joe. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sei trotzdem ratsam. Verstehe.

Wenn ich den nächsten in die Hand bekomme, macht Joe drei Liegestützen. Na warte. Ausfallschritt nach rechts, die Hand schon in Pfeilhöhe gestreckt. Volle Konzentration. Joe spannt den Bogen. Auf 100 Stundenkilometer bringt es der Pfeil, wenn er schießt. Er hat mal den Weltrekord aufgestellt, 32 Pfeile in zwei Minuten gefangen – mit verbundenen Augen. Wir fangen klein an, halten Augenkontakt. Ich fange. Gewonnen, Joe muss auf den Boden. Eins, zwei.

22 Nummern werden im Zirkus Eigenart gespielt, von 32 Artisten. Die meisten von ihnen kommen aus Deutschland, einige aus Kolumbien oder Schweden. Multikulti. Im nächsten Jahr kommt der Zirkus wieder nach Bielefeld, aber mit anderen Nummern und Darstellern, sagt Martin Krockauer, Eigenart-Inhaber. Er war elf Jahre lang Manager bei Flic Flac. Jetzt Zirkus Eigenart. Die Truppe mag ihn, er ist immer dabei, kümmert sich darum, dass es beim Training frische Berliner gibt.

Vier Minuten dauert die Nummer auf dem Podest. Monsieur Chapeau könnte aber auch länger, sagt er. Eigentlich heißt er Jean-Pierre Ehrenreich, bei den Proben trägt er eine Kappe in Lila, in der Show dann einen schwarzen Hut. Auf dem Rola Rola, einem Balancierbrett, hält er das Publikum in schwindelerregender Höhe in Atem. Ich probiere es ohne Podest. Rechtes Bein aufs Brett, linkes Bein aufs Brett und in die Knie. Körperspannung. Meine Oberschenkel zittern, ich rutsche vom Brett. Setzen, sechs. Ich darf aber nochmal, Monsieur Chapeau meint es wirklich gut mit mir. Nächster Versuch. Wieder vibrieren die Oberschenkel. 20 Sekunden, dann ist Schluss. Aufs Podest lässt mich Chapeau erst gar nicht.


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