Bielefeld. Es ist ein Winter, der bislang keiner war – jetzt aber schlägt er richtig zu. Wer keine Wohnung hat, kein festes Dach über dem Kopf, der hat es immer schwer, durch sein Leben zu kommen – bei diesen eisigen Temperaturen ist die Gefahr zu sterben allerdings noch mal deutlich höher.
Kai ist schätzungsweise Mitte 30, groß, schlank, drei-Tage-Bart, ein faustgroßes Loch in seiner Jeans, direkt über dem Knie. Kai ist nicht sein richtiger Name, er lebt auf den Straßen von Bielefeld. "Auch bei diesen Temperaturen, allerdings nur tagsüber", schränkt er ein. Nachts werde es sogar ihm, der seit mehreren Jahren kein Dach mehr über dem Kopf hat, zu kalt: "Das Loch in meiner Hose ist nicht so schlimm, da merke ich gar nicht, ob’s warm ist oder kalt. Die Finger sind meine Schwachstelle. Die tun höllisch weh bei der Kälte."
Nachts, wenn die Temperaturen wie in diesen Tagen im zweistelligen Minusbereich angekommen sind, sucht Kai Schutz in einer der städtischen Notunterkünfte. Und er ist nicht der einzige: "Wir merken, dass im Winter mehr Menschen Hilfe brauchen, als den Rest des Jahres", sagt Ingrid Streubühr, bei der Stadt Bielefeld verantwortlich für "sozialarbeiterische und Wohnungsnotfallhilfen". 65 Männer können in verschiedenen Einrichtungen untergebracht werden, hinzu kommen 29 Plätze für Frauen. Streubühr: "Aktuell sind rund 70 Plätze belegt", vor ein paar Wochen, als es noch nicht so kalt war, seien es deutlich weniger gewesen.
Die meisten Männer und Frauen, die in Bielefeld wohnungslos sind, nehmen die Hilfsangebote der Stadt und anderer Einrichtungen vor allem im Winter gerne an, andere finden Zuflucht bei Freunden und Bekannten. Die meisten sind versorgt –aber nicht alle.
Als "sehr dramatisch" bezeichnet Thomas Griese die aktuelle Situation. Der Sozialarbeiter bei den Bethel-Integrationshilfen sucht und hält Kontakt zu den Betroffenen, ist Ansprechpartner und einer, der sich kümmert. Und er weiß: Die größten Probleme bekommen die Obdachlosen, die zusätzlich noch Alkoholprobleme haben. Griese: "Dann wird es gefährlich, denn Alkohol entzieht dem Körper Wärme." Das kann bei Minusgraden schnell lebensgefährlich werden.
So schlimm ist es in Bielefeld noch nicht, "das Betreuungsnetz bei uns ist sehr engmaschig, gerade im Winter kümmern sich die Sozialarbeiter verstärkt um die Wohnungslosen", sagt Ingrid Streubühr.
Aktuell wissen die Mitarbeiter des Sozialamtes eigenen Angaben zufolge von mindestens zwei Personen, die die angebotene Hilfe bisher nicht in Anspruch genommen haben und weiter Nacht für Nacht auf den Straßen im Freien schlafen und sich auch tagsüber nahezu ausschließlich draußen aufhalten. Aber auch denen gehe es einigermaßen gut, man beobachte die Situation.
Kai ist keiner, der gerne Hilfe annimmt: "Ich hab’s selbst verbockt, ich versuche, es auch selbst wieder auf die Reihe zu kriegen", beschreibt er sein Leben, "aber im Moment würde es ohne Hilfe nicht gehen." Zwei oder drei Stunden will er noch in der Stadt bleiben bis es dunkel ist und damit deutlich unter null Grad. Dann zieht er weiter in eine der Notunterkünfte: "Da gibt’s warme Getränke und ein Bett – was für ein Luxus für Menschen wie mich."