Bielefeld. Neue Einkaufszentren in der City – ein Alptraum für die Altstadtkaufleute. Vor allem von den Plänen des Essener Investors MFI für das Wilhelmstraßen-Viertel befürchten sie das Schlimmste: Abwanderung von Geschäften, Leerstände, Umsatzrückgänge und völlige Veränderungen der gewachsenen Strukturen in Alt- und Neustadt.
"Wir sind strikt gegen die Shopping-Center-Pläne für das Wilhelmstraßen-Quartier und möchten, dass die Erweiterungsmöglichkeiten des zweiten Investors ECE für die City-Passage auf die jetzt vorhandenen Flächen begrenzt werden", sprechen sich Jens Schröder und Olaf Klötzer, erster und zweiter Vorsitzender des Vereins "Kaufmannschaft Altstadt", im Prinzip für die Beibehaltung des Status quo aus.
Der Bau eines Centers an der Wilhelmstraße – mindestens 22.000 Quadratmeter, 100 Geschäfte – sei nicht vertretbar. "Wir bezweifeln, dass es bei der genannten Größe bleibt, das Center würde wohl noch größer werden", sagt Klötzer und nennt rund 30.000 Quadratmeter.
In 100 neue Geschäfte würden keine Anbieter einziehen, die neu in Bielefeld wären, "sondern es würde zu einer Kopie des bereits vorhandenen Branchen-Mixes in der City kommen. Möglicherweise ziehen Filialisten aus der Altstadt einfach nur um."
Bielefeld habe bereits mehr Einzelhandelsflächen als vergleichbare Städte. "Wenn das Einzelhandelskonzept davon spricht, dass 15 Prozent mehr vertretbar seien, heißt das noch lange nicht, dass das auch gut wäre", so Klötzer. Denn: Der Umsatz des deutschen Handels stagniere seit Jahren. Neue Flächen führten unweigerlich zu Verlusten im Bestand.
Von vier untersuchten Standorten in der City – darunter Karstadt, City-Passage, Zimmerstraße –sei die Wilhelmstraße der schlechteste für ein neues Shopping-Center. "Es käme zu einer Umverteilung von der Altstadt und der Bahnhofstraße zum neuen Center", sagt Klötzer. Folge: Inhabergeführte Fachgeschäfte aber auch Filialisten aus der Altstadt müssten aufgeben.
Für das Wilhelmstraßen-Quartier müssten "kreative Ideen" entstehen. "Durch die Investor-Option sind Investitionen dort blockiert. Erst wenn den Center-Plänen ein Riegel vorgeschoben wird, kann dort etwas Neues geschehen", so Schröder. Ohne attraktive Wohnflächen an der Wilhelmstraße, werde auch ein umgestalteter Kesselbrink verwahrlosen. "Dann ist es dort außerhalb der Öffnungszeiten tot."
"Wir wollen keine Käseglocke über die Stadt stülpen, doch es gilt, den schlechtesten Fall zu verhindern. Und das wäre ein Center an der Wilhelmstraße und ein zweites in einer erweiterten City-Passage ", meint Jens Schröder. Das müsse die Politik im Auge behalten. Denn ECE sei bereits Eigentümer in der City-Passage, es gebe keine juristische Sicherheit, dass eine Ausweitung zu verhindern sei.
Kritik üben die Altstadtkaufleute an dem bisherigen Verfahren: Die Beratungen seien nicht öffentlich gewesen, man habe nie Antworten bekommen, sei erst im Dezember einbezogen worden als die ersten politischen Beschlüsse schon gefallen seien. "Wir sind von der bürgerlichen Mehrheit enttäuscht und fordern die Politik auf, ihre Positionen zu überdenken", sagen sie. Es drohe ein nicht mehr umkehrbares Übel mit Qualitätsverlusten für die Altstadt, die gute Stube Bielefelds. Wenn nun ein neuer Masterplan für die City erarbeitet werden solle, sei das nur "eine Beruhigungstrategie". "Das hätte man vor zwei Jahren machen sollen", so Schröder und Klötzer.
Dass möglicherweise Shopping-Center in Paderborn oder Gütersloh entstehen könnten, schreckt die Kaufmannschaft nicht. "Es ist eine Auszeichnung für Bielefeld, kein Center, sondern eine Vielzahl von Fachgeschäften zu haben. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal."