Mittwoch, 23.05.2012
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23.01.2012
Bielefelder Tanztheater erzählt vom Menschsein
Die Gastchoreografen Fabien Prioville und Rainer Behr mit unterschiedlichen Handschriften
VON HEIKE KRÜGER

Kraftakt | FOTO: URSULA KAUFMANN

Bielefeld. Ein Mann (Dirk Kazmierczak) liegt bäuchlings auf dem Teppich seines Wohnzimmers, kämpft sich, unter einer Decke liegend, langsam in seine herumliegenden Kleider. Dabei beweist er eine erstaunliche Gelenkigkeit. Eine neunköpfige Tänzergruppe erklimmt Halden aus Lavasteinen. Bemächtigt sich des Bühnenraums mal mit sehr individuell gehaltenen Bewegungen, dann im Gleichklang exakter Formation zu treibenden Rhythmen.

Zwei verschiedene Tanzsprachen, zwei unterschiedliche Choreografen. Fabien Prioville und Rainer Behr, beide aus der berühmten Wuppertaler Schule Pina Bauschs, zeigen ihre künstlerischen Handschriften in Bielefeld. Sie tun dies mittels der Akteure des Bielefelder Tanztheaters, die sich wiederum als vielgestaltig und wandlungsfähig präsentieren. Die Uraufführungen von "FromHereToThere" (Prioville) und "Herbstzeitlose" (Behr) geraten in der intimen Atmosphäre des Theaterlabors zur bejubelten Premiere.

Prioville sucht in seiner Studie des Menschen, die er als Solostück angelegt hat, dessen inneren Antrieb zu ergründen. Dazu bedient er sich biografischer Bezüge. Gierig sucht der Tänzer das Rampenlicht der Bühne. Obsessionen, Todessehnsucht (zu Bachs Kantate: "Ich habe genug") markieren den Weg. Existenzielle Fragen interessieren Prioville, wie eben das Damoklesschwert eines plötzlichen Todes. Er arbeitet sie anhand von Lebensstationen ab, die Dirk Kazmierczak als Eckdaten eines Tänzerlebens formuliert. 20. August 2003: Der Tänzer scheint zu hyperventilieren, die Lunge ist angegriffen, er ringt mit dem Tod. Dazu eine beinahe fröhliche, folkloristische Musik. Der grelle Kontrast lässt die Szene noch intensiver wirken.

Tanzbewegungen im Brief

Papierschnipsel fallen aus den Hosentaschen. Manche verwirft der Solist, andere steckt er mit einem Lächeln in einen Briefumschlag. Einen Zuschauer bittet er, den Brief gleich nach der Vorstellung abzuschicken. Er sei an seine Mutter, die nur selten ins Theater komme. Im Brief, sagt er, seien seine schönsten Tanzbewegungen festgehalten.

Prioville findet eindringliche, berückende Bilder für die Mosaiksteine, die sich zu einem Leben formen. Es geht auch um ein Vermächtnis, um das, was von einem Künstler bleibt. Am Ende liest man Fragmente der Wuppertaler Schule heraus, wenn der Tänzer wieder und wieder seinen Sessel hebt, ihn trägt wie einen Sarg, auf ihn niederfällt, abgleitet, wieder aufsteht. In der Wiederholung entwickelt sich die Würde einer scheinbar alltäglichen Handlung. Tosender Applaus am Ende einer Arbeit, die dem Solisten auf den Leib geschrieben wurde.

Ganz anders, freier und stark der Improvisation durch das Ensemble überlassen, bearbeitet Rainer Behr in "Herbstzeitlose" die Frage nach menschlichen Grenzen und Grenzgängen. Auch er und seine Tänzer finden Bilder für die Bedingungen des Menschseins: Ausgelassene Heiterkeit liegt dicht neben Wut und Gewalt, unterdrückte Gefühle neben ihrer Explosivität, Sehnsüchte neben einer lärmigen, fremdbestimmten Realität.

Duett von tiefer Mitmenschlichkeit

Scharfe Kontraste, auch in der Auswahl der Musikstücke, und ungewöhnliche physische Manifestationen fordern zur genauen Betrachtung heraus: Die Tänzerin, die von drei anderen gehalten eine Wand entlang läuft, die verzweifelte Besteigung der Geröllhalde, ein Duett von tiefer Mitmenschlichkeit (Uray/Manquinho), eine flotte, temperamentvolle Tanzszene der gesamten Gruppe in exakter Formation.

Am Ende werden Szenen wiederholt, ereignet sich das zuvor Gesehene in umgekehrter Richtung. Der Einfluss Pina Bauschs ist auch bei Behr unverkennbar. Das Bielefelder Tanztheater in diesen Gastchoreografien einmal neu und anders zu erleben, ist Genuss und Herausforderung zugleich. Imme Kachel unterstützt mit einer dezenten Kostümwahl und sanft kommentierenden Bühnenbildern.

  • Termine: 27., 28., 29., Januar, 2., 3., 4., 23., 24., 25. Februar, 1., 2., 3. März. 


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